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Full text of "Neues Leben = vita nuova"

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UNIVERSITY 




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http://archive.org/details/neueslebenvitanuOOdant 



DANTE ALIGHIERI 



NEUES LEBEN 



VITA NUO VA 



ÜBERSETZT UND ERLÄUTERT 



VON 



FRANE A. LAMBERT 




EINHORNVERLAGINDACHAU 






VORBEMERKUNG 




US dem Büchlein Vita Nuova 
redet nicht die, nach Goethes 
Urteil »oft abschreckende Groß* 
heit« des Schöpfers der Divina 
Commedia zu uns, nicht jener 
P^3 ernste Denker und Dichter Dante 
Alighieri, der unsere Phantasie mit sich führt 
zu dem ewigen Schmerze der Verdammten in 
den höllischen Verließen, und durch die Läute* 
rungsstätten der Hoffenden im Fegefeuer hin* 
auf in das lichte, himmlische Reich der Seligen. 

Hier in diesem Erstlingswerke tritt uns der 

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warmblütige Florentiner nahe, der von Frauen* 
minne und Gottesminne erfüllte jugendliche 
Minnesänger, der uns von dem neuen Leben 
sagt, das für ihn begann an dem Tage, da in 
seinem Knabenherzen die erste Liebe erwachte. 

7 



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%r* 



Wer nicht nur überfliegt, was uns hier Dante von seinem 
Liebesleben offenbart, sondern tiefer in den Sinn seiner oft 
rätselhaften Worte einzudringen sucht, wird nach und nach 
bemerken, und vielleicht dadurch zum Weiterforschen an? 
geregt werden, daß sein Minnebüchlein, ohne eigentlich 
Unwahres zu berichten, alle Erlebnisse in einen geheimnis* 
voll dunklen Schleier hüllt. In dem Prosatext, der die ein* 
geflochtenen Poesien gleichsam kommentierend umrahmt, 
verbirgt es fast ebensoviel als es erzählt. Dieses Hebens* 
würdigste Kind der Danteschen Muse, das so heiter und 
ernst, so leidenschaftlich und so übersinnlich, so innig ge* 
fühlvoll und so trocken pedantisch zu plaudern weiß, ver* 
steht auch ganz meisterhaft die Kunst, von dem, was es 
erzählt, die Hälfte ungesagt zu lassen, Erlebnisse und Er* 
fahrungen des Innenlebens hinter Allegorien zu ver* 
bergen, das Verständnis mit Hilfe von Farben* und Zahlen* 
Symbolik zu erschweren, oder auch durch Verwendung von 
erzählerischen Motiven aus der provenzalischen Literatur 
irrezuführen. Die das ganze Opus durchziehende Verheim* 
lichung neben anmutiger Rede erinnert an die Worte, die 
der Dichter einer seiner Kanzonen zum Geleite gab : 

Mein Lied, ich glaube, daß nur wen'ge sind, 

die deinen Sinn genau verstehen werden, 

so dunkel und so schwerverständlich sprichst du. 

Doch sollte es der Zufall einmal fügen. 

daß du zu solchen Leuten kämest, 

die dir nicht reif für deinen Inhalt scheinen, 

dann bitt* ich dich, laß es dich nicht verdrießen, 

mein liebes Märchenkind, und sage ihnen : 

»Beachtet wenigstens, wie schön ich bin.« 

Dante hat die Vita Nuova seinem besten Freunde, Guido 

8 



Cavalcanti gewidmet, und dieser war vielleicht der einzige, 
der darin zwischen den Zeilen zu lesen vermochte und alle 
Kunstgriffe durchschaute, die Dante angewandt hat, um 
nichts von den Geheimnissen seiner Liebe zu verraten. Die 
für den Inhalt nicht reifen Leute durften sich nach Belieben 
an der äußeren Schönheit erfreuen, einen Gefallen an dem 
Reiz des Halbdunkels finden, oder sich an den Rätseln den 
Kopf zerbrechen, —jedenfalls hat Dantes Freund die poe* 
tische Gabe mit mehr Genuß gelesen, als alle, die nicht 
klug daraus werden konnten. Da aber auch heute der Ge*. 
nuß eines Kunstwerkes durch dessen Unverständlichkeit 
schwerlich erhöht wird, so wird wohl dem kleinen Kreis 
der deutschen Danteverehrer eine neue, eingehend kom? 
mentierte Übersetzung nicht unwillkommen sein. 

An nicht oder ungenügend erläuterten deutschen Über* 
Setzungen ist kein Mangel 1 . Die vorliegende Übertragung 
— die neunte — will dem Leser einen angenehm lesbaren, 
und vor allem sinngetreuen Text bieten. Da es dem 
Leser vermutlich mehr um die charakteristischen Ausdrücke 
des Originals, als um deren, dem Reim zu lieb, vergewak 
tigte Umschreibung zu tun ist, wurde auf die Wiedergabe 
des Reimes verzichtet. Alle bisherigen Übersetzer (mit Aus* 
nähme von F. Beck) haben den Reim nachgebildet, wobei 
aber, wie nicht anders zu erwarten, oft ganz wesentliche 
Momente der Danteschen Wortbegriffe nicht zur Geltung 
kamen. Ein Meister, der in der Verdeutschung des ganzen 
poetischen Teiles der Vita Nuova etwas Vollkommenes, 
dem italienischen Text an Form und Inhalt annähernd 
Ebenbürtiges zu schaffen vermocht hätte, war noch nicht 
da — wird auch schwerlich kommen. 

Die für den Geschmack der heutigen Leser ungenießbaren 
und mit wenigen (in der Übersetzung gesperrt gedruckten) 



fa Li 



Ausnahmen inhaltlosen Einteilungen der Gedichte wur* 
den, weil von Dante herrührend, aus Pietät beibehalten. 

Der Kommentar setzte die Lösung einer ganzen Reihe 
von Rätseln voraus, mit denen sich, wie es scheint, niemand 
mehr gerne befaßt, weil sich schon allzu viele vergeblich 
damit befaßt haben. Vergeblich vielleicht nur deshalb, 
weil die Wege, die man einschlug, nicht zum Ziele führen 
konnten. Der Verfasser dieser Zeilen ist seinen eigenen 
Weg gegangen und auf demselben zu Resultaten gelangt, 
die von den landläufigen Ansichten total verschieden sind; 

— mögen sie allen wirklichen Dantefreunden eine neue 
Anregung und Gelegenheit zum Nachprüfen bieten. 

Tranz A. Lamßert 



In jenem Teile des Buches meiner Erinnerung, dem nur 
wenig Lesenswertes vorangeht, findet sich ein Abschnitt 
mit der Überschrift: Incipit "Vita Nova (Ein neues Leben 
beginnt). Darin findet sich aufgezeichnet, was ich in diesem 
Büchlein, wenn auch nicht Wort für Wort, so doch der Be* 
deutung nach, niederzuschreiben gedenke. 

/ 

Neunmal schon war seit meiner Geburt der Lichthimmel, 
der ihm eigentümlichen Kreisung gemäß, beinahe zu dem 
nämlichen Punkte zurückgekehrt, als meinen Augen zum 
erstenmal die glorreiche Herrin meines Geistes erschien, 
die von vielen, die nicht wußten, wie sie zu nennen sei, 
Beatrice genannt wurde. In diesem Leben war sie schon so 
lange gewesen, daß sich während dessen Dauer der Sternen* 
Himmel um das Zwölftel eines Grades nach Osten zu be? 
wegt hatte ; daher erschien sie mir ungefähr am Beginn ihres 
neunten Jahres, und ich erblickte sie ungefähr am Ende 
meines neunten Jahres. Sie erschien mir in vornehme blute 
rote Farbe einfach und geziemend gekleidet, gegürtet und 
geschmückt nach der Weise, die ihrem jugendlichen Alter 
zukam. In diesem Augenblick — das berichte ich wahr« 
heitsgemäß — begann der Lebensgeist, der in der geheim? 
sten Kammer des Herzens wohnt, so heftig zu zittern, daß 
er sich in den schwächsten Pulsschlägen erschreckend kund 
tat, und bebend sprach er die Worte : Ecce Deus fortior me, 
qui veniens dominabitur mihi (Siehe, ein Gott, stärker als 
ich, der da kommt und mich beherrschen wird). Zu gleis 
eher Zeit begann der Seelengeist, der in dem hohen Gelaß 
wohnt, dahin alle Sinnengeister ihre Eindrücke melden, 
sehr zu staunen und sprach, vornehmlich an die Geister des 

11 



Gesichtes gewandt, dieWorte : Apparuit jam beatitudo vestra 
(Nun ist eure Seligkeit erschienen). Nun hub der Naturgeist, 
der dort wohnt, wo sich unsere Ernährung vollzieht, zu wei* 
nen an und sprach jammernd: Heu miserquiafrequenterim* 
peditus ero deinceps (Weh* mir Armen, fürderhin werde ich 
oft behindert sein)»Von dieser Zeit an, sage ich, beherrschte 
die Liebe meine Seele, die ihr so früh angetraut ward, und ge* 
wann allmählich durch die Macht, die meine Phantasie ihr 
verlieh, solche Bestimmtheit und Herrschaft über mich, daß 
ich ihr völlig zu Willen sein mußte. Zu vielen Malen gebot 
sie mir, ich solle trachten, dieses junge Englein zu sehen; 
und so ging ich denn in meinen Knabenjahren gar oft sie 
aufsuchen und fand an ihr so feines und artiges Benehmen, 
daß man mit Recht das Wort des Dichters Homer auf sie 
hätte anwenden können: »Nicht eines sterblichen Men* 
sehen, eines Gottes Tochter erschien sie.« Aber wenn auch 
ihr Bild, das mich stets begleitete, die Liebe so kühn machte, 
mich zu beherrschen, so besaß es dennoch eine so überaus 
edle Kraft, daß es ihr niemals erlaubte, mich, wo immer es 
nützlich war, dem Rate der Vernunft zu folgen, gegen ihren 
Rat zu bestimmen. Weil man aber einen Widerstand gegen 
die Triebe und das Gebaren der Kinderjahre für eitles 
Gerede halten möchte, so schweige ich davon, und vieles 
übergehend, was sich als Beweis dafür aus jenem Buche 
anführen, ließe, will ich auf das zu sprechen kommen, was 
in meiner Erinnerung in wichtigeren Paragraphen auf* 
gezeichnet ist. 



Soviel Tage waren vorübergegangen, daß seit dem er* 
wähnten Erscheinen jener Holdesten gerade neun Jahre ver* 
strichen waren, da erschien mir am letzten dieser Tage diese 



12 



wunderbare Herrin, in schneeweiße Farbe gekleidet, inmit* 
ten zweier vornehmer Frauen von vorgerückterem Alter. 
Und ihres Weges gehend, wandte sie ihre Augen nach der 
Richtung hin, wo ich schüchtern stand, und in ihrer unsag? 
baren Huld, die seitdem ihren Lohn in einer höheren Welt 
gefunden hat, grüßte sie mich so bedeutsam, daß es mir da? 
mais war, als überschaute ich alle Grenzen der Glückselig? 
keit. Die Stunde, da ihr süßester Gruß zu mir gelangte, 
war genau die neunte jenes Tages, und da dies das erste* 
mal war, daß ihre Worte zu meinem Ohre drangen, kam 
eine solche Wonne über mich, daß ich wie berauscht 
aus der Menschenmenge floh, mich an ein ungestörtes 
Plätzchen meines Zimmers zurückzog und mich den Ge* 
danken an diese Holdeste hingab. 

Während ich so an sie dachte, überkam mich ein sanfter 
Schlummer, in welchem ich eine wunderbare Vision hatte. 
Mir war, als sähe ich in meinem Zimmer eine feuerrote 
Wolke, darin ich eine Herrschergestalt wahrnahm; ein 
schreckender Anblick für jeden, der ihn gesehen hätte. Er 
selber schien mir so fröhlich, daß es ein seltsam Ding war. 
Er sprach vielerlei, wovon ich aber nur weniges verstand; 
so die Worte : Ego dominus tuus (Ich bin dein Herr). In 
seinen Armen glaubte ich eine schlafende Gestalt zu sehen, 
nackt; nur leicht schien sie in ein blutrotes Tuch gehüllt zu 
sein. Als ich sie genauer anschaute, erkannte ich, daß es des 
Heiles Herrin war, die mich am Tag zuvor ihres Grußes 
gewürdigt hatte. Er aber schien in seiner Hand etwas zu 
halten, das völlig glühte, und mir deuchte, er spräche zu 
mir die Worte: Vide cor tuum (Siehe hier dein Herz). Nach* 

13 



dem er einige Zeit verweilt hatte, schien es mir, er wecke 
die Schlafende auf und strenge seine Überredungskraft an, 
daß sie das Brennende in seiner Hand verzehren solle. 
Und sie aß es zögernd. Es dauerte nicht lange, da verwan* 
delte sich seine Heiterkeit in bitterlichstes Weinen, und 
weinend nahm er diese Frau wiederum in seine Arme und 
entschwebte mit ihr, wie mir schien, gen Himmel. Ich aber 
empfand darob eine solche Bangigkeit, daß mein leichter 
Schlummer nicht standhalten konnte; er brach ab, und ich 
erwachte. 

Sofortbegannichnachzudenkenundfand, daß die Stunde, 
in der mir diese Vision geworden, die vierte der Nacht war 
woraus deutlich zu ersehen, es war die erste der neun letz* 
ten Nachtstunden. Während ich so über meine Erscheinung 
nachsann, beschloß ich, mehrere damals berühmte Dichter 
davon in Kenntnis zu setzen und — da ich die Kunst, Worte 
in Reime zu bringen, schon von selber gelernt hatte — ein 
Sonett zu verfassen, darin ich alle Getreue Amors be* 
grüßen und ihnen mitteilen wollte, was ich in meinem 
Schlummer gesehen hatte, mit der Bitte, ihr Urteil über 
meine "Vision abzugeben. Alsdann begann ich das folgende 
Sonett: 

An alle lieberfüllten Herz' und Seelen, 
die dies Gedicht erhalten, mit der Bitte, 
zurück zu melden, wie sie es verstanden : 
Mein Gruß zuvor in Amor, ihrem Herrn! 

Ein Drittel schon der Stunden war verstrichen 
der Zeit, in der die Schar der Sterne leuchtet, 
als plötzlich Amor mir erschien. Sein Wesen 
erschreckt mich jetzt noch, wenn ich daran denke. 

Froh schien mir Amor, der in seiner Hand 

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mein Herz hielt und in seinem Arme schlafend 
die Herrin mein, gehüllet in ein Linnen. 
Dann weckte er sie auf, und demutvoll 
verzehrte zagend sie mein glühend Herze. 
Drauf sah ich, wie er weinend zog von dannen. 

Dieses Sonett zerfallt in zwei Teile. Im ersten entbiete ich 
meinen Gruß und bitte um Antwort; im zweiten gebe ich an, 
auf was geantwortet werden soll Der zweite Teil fängt an: 
»Ein Drittel schon«. % 

Auf dieses Sonett wurde von vielen und in verschiedenem 
Sinne geantwortet. Auch der, den ich meinen besten 
Freund nenne, war darunter, und er antwortete damals in 
einem Sonett, welches anfängt: »Du sahst, so scheint mir, 
jeden Wert«; es bildete gleichsam den Anfang der Freund* 
schaft zwischen ihm und mir, als er erfuhr, daß ich es war, 
der ihm jenes Sonett zugesandt hatte. Die wahre Bedeutung 
des besagten Traumes wurde damals von keinem erkannt, 
aber jetzt ist sie auch dem Einfältigsten offenbar. 



Von jener Vision an wurde, weil sich die Seele ganz den 
Gedanken an jene Holdeste hingab, meine Natur in ihrer 
Tätigkeit behindert, und dadurch wurde ich in kurzer Zeit 
so schwach und hinfällig, daß mein Aussehen viele meiner 
Freunde bekümmerte. Es gab aber auch viele, die sich voll 
Eifersucht bemühten, von mir zu erfahren, was ich vor jeder* 
mann durchaus zu verheimlichen willens war. Da ich aber 
die Arglist in den mir gestellten Fragen durchschaute, so 
antwortete ich ihnen, gemäß der Weisung der Liebe, die 
mich mit vernünftigem Rat leitete, daß es die Liebe sei, die 

15 



mich so beherrsche. Ich sagte die Liebe, trug ich doch auf 
dem Gesichte so viele ihrer Merkmale, daß da nichts zu 
verbergen war. Fragten sie mich aber: »Wem gilt denn die 
Liebe, die dich so aufzehrt?« dann schaute ich sie lächelnd 
an und sagte ihnen nichts. 



5 



Eines Tages geschah es, daß die Holdeste dort saß, wo man 
Gesänge zum Lobpreis der Königin der Glorie hört, und 
ich hatte einen Platz, von welchem aus ich meine Seligkeit 
sehen konnte. Nun saß in der Mitte der graden Linie 
zwischen ihr und mir eine edle Dame von gar anmutigem 
Äußern, welche, verwundert über mein Hinschauen, das ihr 
zu gelten schien, mich oft ansah, so daß viele ihr Her* 
schauen bemerkten. Ja, es erregte so viel Aufsehen, daß ich, 
als ich den Raum verließ, hinter mir sagen hörte: »Seht 
nur, wie diese Dame den da zu Grunde richtet.« Und da 
sie ihren Namen nannten, wußte ich, daß sie von jener 
Dame sprachen, welche in der Mitte der geraden Linie ge* 
wesen war, die bei der holdesten Beatrice anfing und in 
meinen Augen endete. Dies war mir eine große Beruhigung, 
denn ich war nun sicher, mein Geheimnis an dem Tage 
niemandem durch meine Blicke verraten zu haben, und 
gleich kam ich auf den Gedanken, diese edle Dame zur 
Schutzwehr der Wahrheit zu machen und ließ in kurzer Zeit 
so manches durchblicken, daß die meisten Leute, die von 
mir redeten, mein Geheimnis zu kennen glaubten. Durch 
diese Dame verbarg ich mich einige Jahre und Monate lang, 
und um die Leute noch mehr in ihrer Meinung zu bestär* 
ken, widmete ich ihr einige Kleinigkeiten in Versen, die ich 
hier nicht mitzuteilen beabsichtige, es sei denn, daß sie sich 

16 



auf jene holdeste Beatrice beziehen ließen. Ich lasse sie also 
ganz weg und füge nur einiges davon ein, was ein Lob für 
diese zu sein scheint. 

6 

TLvl* Zeit, als diese Dame ein Schirm für so große Liebe 
von meiner Seite war, wandelte mich einmal die Lust an, den 
Namen jener Holdesten zu verewigen und ihm die Namen 
vieler anderer Frauen, insbesondere den Namen dieser 
edlen Dame, zur Begleitung zu geben. Ich nahm daher die 
Namen von sechzig der schönsten Frauen der Stadt, in wel* 
eher, wie es der höchste Herr bestimmt hat, meine Herrin 
lebte, und verfaßte eine Epistel in Form einer Serventese, 
die ich hier nicht niederschreibe. Ich hätte ihrer gar nicht 
gedacht, wenn ich nicht hätte mitteilen wollen, daß bei der 
Abfassung der Name meiner Herrin sich wunderbarerweise 
an keiner anderen Stelle als grade an der neunten in der 
Namenreihe der Frauen anbringen lassen wollte. 



7 



Die Dame, durch die ich meine Neigung so lange ver* 
borgen hätte, mußte aus der oben erwähnten Stadt wegziehen 
und in eine ferne Gegend reisen, weshalb ich, ganz be* 
stürzt über den Verlust meiner schönen Schützerin, recht 
betrübt war ; viel mehr, als ich selbst vorher geglaubt hätte. 
Und da ich nun dachte, die Leute würden gar bald mein 
Versteckspiel durchschauen, wenn ich ihrer Abreise nicht 
mit einiger Betrübnis gedächte, so beschloß ich, eine Klage 
darüber in ein Sonett einzukleiden. Ich teile es hier mit, 
weil meine Herrin zu gewissen Worten, die darin vorkom* 
men, die unmittelbare Veranlassung war, wie es jedem, der 

2 Dante 17 



es versteht, offenbar ist. Ich verfaßte also das folgende So* 
nett: 

O ihr, die auf dem Pfad der Liebe wandelt, 

verweilet doch und sehet, 
ob es ein Leid gibt, das so schwer wie meines. 
Ich bitt* euch nur, ihr mögt Gehör mir leihen, 

und dann fragt selber euch, 
ob ich nicht aller Qual Herberg und Schlüssel bin. 

Amor — nicht meines mindern Wertes willen, 

nein, nur aus Edelsinn — 
verlieh ein Leben mir, so süß und freundlich, 
Daß hinter mir ich oftmals sagen hörte: 

»Weiß Gott, durch welch Verdienst 
Dem gar so froh und leicht ums Herz ist!« 
Doch nun hab' allen Frohsinn ich verloren, 
mit dem der Liebe Reichtum mich erfüllte; 

so ganz bin ich verarmt, 
daß ich fast zögere, es auszusprechen. 

So mach' ich's denn wie jene, die aus Scham 
die innern Nöte zu verbergen suchen, 

zeig' heiter mich von außen, 
doch drin im Herzen gräm ich mich und weine. 

Dieses Sonett hat zwei Hauptteile: Im ersten beabsichtige 
ich, die Getreuen der Liebe anzurufen mit den Worten des 
Jeremias: O vos omnes qui transitis per viam, attendite et 
videte, si est dolor sicut dolor meus (O ihr alle, die ihr des 
Weges kommt, haltet an und sehet, ob ein Schmerz ist wie 
mein Schmerz), und bitte sie, daß sie mir Gehör schenken 
möchten. Im zweiten Teile erzähle ich, wohin Amor mich ver= 

18 



setzt hatte [aber in anderer Absicht, als es die letzten Teile 
des Sonettes dartun] und bezeichne das, was ich verloren 
habe. Der zweite Teil beginnt: »Amor, nicht meines mindern 
Wertes willen«. 

8 

Nach der Abreise dieser edlen Dame gefiel es dem Herrn 
der Engel, eine junge Dame von gar holdem Äußeren, die 
in der oben erwähnten Stadt sehr verehrt wurde, zu seiner 
Herrlichkeit zu berufen. Ich sah ihren entseelten Leib in* 
mitten vieler Frauen liegen, die gar betrübt weinten, und 
da konnte auch ich, mich erinnernd, daß ich sie schon jener 
Holdesten hatte Gesellschaft leisten sehen, einige Tränen 
nicht unterdrücken. Noch weinend, nahm ich mir vor, einige 
Verse auf ihren Tod zu dichten, zur Erinnerung daran, daß 
ich sie manchmal mit meiner Herrin gesehen hatte. Und 
davon erwähne ich etwas am Schlüsse der Gedichte, die ich 
darüber verfaßte, wie sich jedem klärlich zeigt, der es ver* 
steht. — Ich schrieb damals die folgenden zwei Sonette: 
»O weint, ihr Liebenden« und »O arger Tod«. 

O weint, ihr Liebenden, da Amor weint, 
und hört von mir die Ursach' seiner Tränen: 
Mitleiderregend hört' er Frauen klagen, 
aus deren Aug' sich bittrer Schmerz ergoß. 

Denn in ein edles Herze hat der grimme Tod 
die Wirkung seiner Grausamkeit gesenkt; 
und was die Welt an edler Fraue preist, 
hat er — nur ihre Ehre nicht — zerstört. 

Hört, welche Ehre Amor ihr erwiesen : 
Ich sah in leibhafter Gestalt ihn jammern, 
zum toten, anmutsvollen Bild sich neigend. 

2* 19 



Und auf zum Himmel hob er oft die Blicke, 
wo schon die edle Seele war geborgen, 
die eine Frau gewesen, hold zu schauen. 

Dieses Sonett hat drei Teile. Im ersten rufe ich Amors Ge= 
treue an und mahne sie zu weinen; ich sage von ihrem Herrn, 
daß er weint, und ich sage : »hört von mir die Ursache seiner 
Tränen«, damit sie geneigter seien, mich anzuhören. Im zwei= 
ten Teil erzähle ich die Veranlassung; im dritten Teil spreche 
ich von einer Ehrung, die Amor dieser Frau erwies. — Der 
zweite Teil beginnt: »Mitleiderregend«, der dritte: »Hört, 
welche Ehre«. 

O arger Tod, du Gegner des Erbarmens, 

Urvater du des Leides, 
du unentrinnbar Urteil, schwer bedrückend ! 
Seit Anlaß du zum Herzeleid geworden, 

daran ich ruh'los denke, 
bemüht sich meine Zunge, dich zu schmähen. 

Und da du keine Gnade üben magst, 

so ziemt es mir, zu sagen, 
wie boshaft du aus Bosheit dich vergehest, 
nicht um dein Tun den Menschen zu verhehlen, 

nein, abzuschrecken jeden, 
Der in der Liebe Seelennahrung sucht. 

Der Welt hast du entrissen feine Sitte 

und Tugend, die man schätzt als Zier der Frauen. 

In froher Jugendblüte 
hast du zerstört den anmutvollen Liebreiz. 

Wer diese Frau war, will ich nur enthüllen 

20 



durch Eigenschaften, die von ihr bekannt sind: 

Wer nicht des Grußes würdig, 
der hoffe nie, daß ihr Geleit ihm werde. 

Dieses Sonett zerfällt in vier Teile. Im ersten benenne ich den 
Tod mit gewissen, ihm gebührenden Namen; im zweiten rede 
ich ihn an und begründe, was mich veranlaßt, ihn zu tadeln; 
im dritten schmähe ich ihn ; im vierten wendet sich meine 
Rede zu einer unbestimmten Person hin, obgleich sie nach 
meiner Meinung bestimmt ist. Der zweite Teil beginnt: »Seit 
Anlaß du«; der dritte: »Und da du keine Gnade«; der vierte: 
»Wer nicht des Grußes würdig«. 



Einige Tage nach dem Tode dieser Frau ereignete sich et* 
was, das mich veranlaßte, die besagte Stadt zu verlassen 
und nach der Gegend zu reisen, wo sich die edle Dame 
aufhielt, die meine Schutzwehr gewesen war; doch lag das 
Ziel meiner Reise nicht so entfernt, wie der Ort, wo sie 
weilte. Obgleich ich mich, dem Anscheine nach, in zahl* 
reicher Gesellschaft befand, mißfiel mir die Wanderung 
derart, daß die Seufzer kaum den Druck zu erleichtern ver* 
mochten, der auf meinem Herzen lastete, weil ich mich von 
meiner Seligkeit entfernte. Und deshalb erschien mir der 
süßeste Gebieter, der mich durch die holdeste Frau be* 
herrschte, in meiner Vorstellung als ein Pilger, leicht ge* 
kleidet und in ärmlichem Gewände. Er kam mir bekümmert 
vor und schaute zur Erde ; nur manchmal schienen mir seine 
Augen nach einem schönen, munteren und sehr klaren 
Bache zu blicken, der längs meines Weges dahinfloß. Es 
war, als ob Amor mir zuriefe und spräche : »Ich komme von 

21 



jener Dame, die so lange deine Schutzwehr war, und weiß, 
daß es noch lange dauern wird, bis sie zurückkehrt. Und 
darum habe ich das Herz, das du auf meine Veranlassung 
ihr zugewandt, bei mir und trage es zu einer Dame, die nun 
deine Schutzwehr sein wird, wie jene es gewesen.« Und 
er nannte sie mir mit Namen, so daß ich sie wohl er* 
kannte. »Aber immerhin magst du von dem, was ich mit 
dir gesprochen, etwas wiedersagen, tue es aber so, daß nie* 
mand die vorgespiegelte Liebe durchschaue, die du jener 
gezeigt, und die du nun einer andern erzeigen sollst.« 
Nachdem er solches gesagt, entschwand mir plötzlich mein 
ganzes Phantasiebild infolge der Menge von Kraft, die 
Amor, wie mir schien, von sich auf mich übertragen hatte. 
Wie umgewandelt in meinem Aussehen, ritt ich an diesem 
Tage, nachdenklich und von vielen Seufzern begleitet, 
weiter. Tages darauf dichtete ich darüber folgendes Sonett : 

Des Weges ritt ich jüngst, und in Gedanken 
erwog die Wandrung ich, die mir mißfiel. 
Da traf ich Amor an auf halbem Wege 
im schlichten Kleide eines Pilgersmannes. 

Nach seinem Aussehn schien er mir so ärmlich, 
als hart' er seine Herrschermacht verloren : 
mit Seufzen kam er nachdenklich daher, 
das Haupt gesenkt, daß er das Volk nicht sehe. 

Als er mich sah, da rief er mich beim Namen 
und sprach: »Ich komme her aus ferner Gegend, 
wo, meinem Wunsch gemäß, dein Herz gewesen, 
und bring' s zurück, daß neuem Spiel es diene.« 
Da nahm ich soviel in mich auf von ihm, 
daß er verschwand, — ich ward nicht inne, wie. 

Dieses Sonett hat drei Teile. Im ersten erzähle ich, wie ich Amor 
22 



antraf und wie er mir vorkam ; im zweiten, was er mir sagte, 
obgleich nicht vollständig, da ich fürchtete, mein Geheimnis 
zu verraten; im dritten, wie er mir entschwand. Der zweite 
Teil fängt an: »Als er mich sah«; der dritte: »Da nahm ich 
soviel«. 

/o 

Nach meiner Rückkehr ging ich daran, die Dame aufzu* 
suchen, die mir Amor auf dem Seufzerweg genannt hatte, 
und, um mich nicht lange dabei aufzuhalten, sage ich nur, 
daß ich sie binnen kurzer Zeit so sehr zu meiner Schutz* 
dame machte, daß viele Leute über die Grenze des Anstan* 
des hinaus darüber redeten, was oft wie eine drückende 
Last auf mir lag. Und aus diesem Grunde, vielmehr wegen 
dieses überflüssigen Geredes, das mich böswillig verlästern 
zu wollen schien, versagte mir jene Holdeste, die eine Zer* 
störerin alles Bösen und eine Königin der Tugenden war, 
bei einer Begegnung ihren so süßen Gruß, der meine ganze 
Glückseligkeit ausmachte. — Ich will nun, von meinem 
Gegenstande ein wenig abschweifend, zu beschreiben ver* 
suchen, was ihr Grüßen in mir machtvoll bewirkte. 

// 

So sage ich denn: Wenn sie irgendwoher erschien, dann 
wußte ich, in der Hoffnung auf ihren wunderbaren Gruß, 
von keinem Feinde mehr, vielmehr ergriff mich eine Flamme 
der Nächstenliebe, die mich einem jeden verzeihen ließ, 
der mich beleidigt haben mochte. Und hätte mich da jemand 
um irgend etwas gebeten, ich hätte ihm mit bescheidener 
Miene nur geantwortet: Liebe. — Und war sie nahe daran 
zu grüßen, dann räumte ein Geist der Liebe alle anderen 

23 



Empfindungsgeister aus dem Wege, drängte die schwachen 
Geister des Gesichtes fort und sagte ihnen: »Gehet und 
ehret eure Herrin« ; er aber nahm ihren Platz ein. Wer aber 
die Liebe hätte wahrnehmen wollen, der hätte nur meine 
fiebernden Augen zu betrachten brauchen. — Wenn aber 
dieses holdeste Heil grüßte, wie hätte da die Liebe, die übers 
wältigende Glückseligkeit verdunkeln können! Nein, sie 
steigerte sich vielmehr, wie durch ein Übermaß von Wonne 
derart, daß mein Körper, der dann ganz und gar unter ihrer 
Herrschaft stand, sich oftmals wie etwas Schweres, Leb* 
loses bewegte. — Daraus ist zu ersehen, daß in ihren Grü* 
ßen für mich eine Glückseligkeit lag, die meine Kräfte um 
vieles überstieg und sie überflutete. 

12 

Wieder zu meinem Gegenstande zurückkehrend, sage ich, 
daß mich wegen der Verweigerung meiner Glückseligkeit 
ein solcher Schmerz befiel, daß ich mich von den Menschen 
zurückzog und mich in die Einsamkeit flüchtete, wo ich die 
Erde mit meinen bittersten Tränen benetzte. Und als mich 
das Weinen etwas beruhigt hatte, ging ich in meine Kam« 
mer, wo ich klagen konnte, ohne gehört zu werden. Dort 
rief ich die Herrin der Güte um Erbarmen an, und mit den 
Worten: »O Liebe, hilf deinem Getreuen!« schlief ich 
schluchzend ein, wie ein Kind, das Schläge erhalten hat. 

Mein Schlaf mochte etwa zur Hälfte vorüber sein, da 
deuchte mir, ich sähe in meinem Zimmer einen Jüngling in 
schneeweißem Gewände bei mir sitzen. Seinem Aussehen 
nach in tiefem Sinnen, schaute er dahin wo ich lag, und 
nachdem er mich eine Weile betrachtet hatte, kam es mir 
vor, als riefe er mich seufzend an und spräche zu mir diese 

24 



Worte: Fili mi, tempus est, ut praetermittantur simulacra 
nostra (Mein Sohn, es ist Zeit, daß unsere Verstellungen 
ein Ende nehmen). Nun glaubte ich ihn zu erkennen, denn 
er nannte mich so, wie er mich in meinen Träumen schon 
oft genannt hatte. Und als ich ihn ansah, schien er voll 
Mitleid zu weinen und zu erwarten, daß ich ihn anrede. 
Darum faßte ich Mut und sprach: »Edelster Herr, warum 
doch weinest du?« Und da sagte er zu mir die Worte: Ego 
tamquam centrum circuii, cui simili modo se habent circum* 
ferentiae partes, tu autem non sic (Ich bin wie des Kreises 
Mittelpunkt, zu welchem sich alle Teile des Umkreises in 
gleicher Weise verhalten ; du aber bist nicht so). Als ich 
über seine Worte nachdachte, da schien es mir, er habe sehr 
dunkel zu mir gesprochen, und darum zwang ich mich zum 
Reden und fragte ihn : »Was ist das, Herr, daß du gar so 
dunkel zu mir redest?« Und er antwortete mir in der Volks* 
spräche : »Frage nicht mehr, als dir von Nutzen ist.« Und dar* 
um fing ich an, mit ihm über den mir verweigerten Gruß 
zu sprechen und fragte ihn nach der Ursache. Worauf mir 
von ihm folgendermaßen geantwortet wurde : »Diese unsere 
Beatrice hörte von einigen Personen, die von dir spra* 
chen, die Dame, die ich dir auf dem Seufzerwege nannte, 
sei von dir belästigt worden, und darum hat diese Holdeste, 
die alle Widerwärtigkeiten scheut, dich ihres Grußes nicht 
gewürdigt, weil sie befürchtete, du könnest auch ihr lästig 
fallen. Weil ihr nun in Wahrheit dein Geheimnis durch 
langen Verkehr nicht ganz unbekannt ist, so will ich, daß 
du einige Worte in Reime bringest, in welchen du bekennst, 
welche Macht ich durch sie über dich habe, und wie du ihr 
seit deiner Kindheit zu eigen warst. Zum Zeugen dafür 
rufe denjenigen an, der es weiß und den du bittest, es ihr 
zu sagen. Ich, der dieser Zeuge bin, werde gern mit ihr 

25 



darüber unterhandeln; auf diese Weise wird sie deinen 
Liebeswillen verstehen und, ihn erkennend, wissen, was 
von dem Gerede der falsch Beratenen zu halten ist. Laß 
aber deine Verse gleichsam als Vermittler auftreten, in der 
Weise also, daß du nicht unmittelbar sie anredest, denn 
solches wäre ungeziemend. Sende sie auch nirgends ohne 
mich hin, wo sie von ihr gehört werden könnten; trage 
aber Sorge, daß sie mit süßem Wohlklang geschmückt seien, 
in welchem ich jedesmal zugegen sein werde, wenn es nötig 
ist.« — Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand er, 
und mein Schlaf war unterbrochen. Als ich mich dann 
besann, fand ich, daß dieses Traumgesicht mir in der neunten 
Stunde des Tages erschienen war; und bevor ich noch 
mein Zimmer verließ, war mein Beschluß gefaßt, eine Bai* 
lade zu dichten und alles darin zu befolgen, was mir mein 
Gebieter anbefohlen hatte. Und so verfaßte ich ^folgende 
Ballade: 

Mein Lied, ich wünsche, daß du Amor aufsuchst 
und 'mit ihm weiterziehest zu Madonna, 
damit mein Herr mit ihr besprechen möge, 
was zur Entschuldigung für mich du singst. 
Wohl wanderst du, mein Lied, mit soviel Anstand, 

daß du auch ohn' Geleite 
an allen Orten kühn dich zeigen dürftest ; 
indes, wenn du ganz sicher gehn willst, 

such' vorher Amor auf. 
Es scheint nicht ratsam, ohne ihn zu gehen, 
Denn jene, die da merken soll auf dich, 
— wenn, wie ich glaube, sie mir wirklich zürnt — 
sie könnte leicht verächtlich dir begegnen, 
wofern sie nicht mit ihm dich kommen sähe. 

26 



Mit süßem Ton, wenn du mit ihm zusammen, 

beginne also deine Rede, 
nachdem du um geneigt Gehör gebeten : 
»Madonna, der mich zu euch sendet, bittet, 

es möge euch gefallen, 
von mir zu hören, wie er sich entschuldigt. 
Die Liebe ist es, die durch eure Schönheit 
Dahin ihn bringt, daß er die Farbe wechselt ; 
und zwang sie ihn, zu schauen nach der Andern, — 
bedenkt, daß drum sein Sinn sich nicht geändert.« 

Sag' ihr: »Sein Herz, Madonna, harret aus 

in so beständ'ger Treue, 
daß all sein Denken euch zu dienen strebt. 
Früh war er euer, und er ist's geblieben.« 

Sag', wenn sie dir nicht glaubt, 
sie solle Amor fragen, ob es wahr ist. 
Und bitt' zum Schluß bescheidentlich, sie möge 

— könnt' sie verzeihen nicht — mir den Befehl 
durch einen Boten senden, daß ich sterbe. 

Sie werde sehen, daß ihr Knecht gehorcht. 

Und ihm, dem Schlüssel zu der Nachsicht Pforte, 
sag', eh' du weiterziehst, 

— denn für mein gutes Recht weiß er zu sprechen — : 
»Ich bitt' dich meinem süßen Klang zuliebe, 

verweile noch bei ihr, 
von deinem Knecht nach Wunsch ihr zu erzählen. 
Und wird auf deine Fürsprach' ihm Verzeihung, 
mach', daß ein holder Blick ihm Frieden künde.« 
Mein liebes Lied, sobald es dir gefällt, 
zieh' hin, auf daß du Ehre mögst erlangen. 



27 



Diese Ballade zerfällt in drei Teile. Im ersten sage ich zu ihr, 
wohin sie zu gehen habe, und ermutige sie, damit sie sich 
sicher fühle; auch sage ich, unter wessen Begleitung sie sich 
stellen solle, um sicher zu gehen und ohne jede Gefahr. Im 
zweiten Teile sage ich, was ihr zu sprechen obliegt; im dritten 
erlaube ich ihr zu gehen, wann sie will, indem ich ihre Wan* 
derung in die Hände Fortunas empfehle. Der zweite Teil be= 
ginnt: »Mit süßem Ton«, der dritte: »Mein liebes Lied«. — 
Es könnte nun jemand gegen mein Lied einwenden, daß man 
nicht wisse, an wen sich meine Rede in der zweiten Person 
richte, da die Ballade ja nichts anderes sei, als die Worte, die 
ich rede. Und deshalb bemerke ich, daß ich diesen Einwurf 
an einer noch dunkleren Stelle dieses Büchleins berichtigen 
und aufklären werde. Dort wird mich dann jeder verstehen, 
der hier Bedenken trägt oder derartige Einwendungen zu 
machen beliebt. 

13 

Nach der oben beschriebenen Vision, als ich schon das 
Lied beendet hatte, das Amor mir zu dichten aufgetragen, 
begannen viele und verschiedenartige Gedanken, deren ich 
mich kaum erwehren konnte.mich zu beunruhigen und zu ver* 
suchen. Vier von diesen Gedanken waren es, die ganz be* 
sonders die Ruhe meines Lebens stören zu wollen schienen. 
Der erste von ihnen war dieser : Gut ist die Herrschaft der 
Liebe, weil sie die Gesinnung ihres Getreuen von allem Ge* 
meinen ablenkt. Der zweite war der: Nicht gut ist die Herr* 
schaft der Liebe, denn je mehr ihr Anhänger in Treue ihr zu* 
getan ist, desto schwerere und schmerzlichere Zustände hat er 
durchzumachen. Der dritte Gedanke war folgender: Der 
Name der Liebe ist so süß zu hören, daß es mir unmöglich 
scheint, daß seine ihm eigentümlicheWirkung in den meisten 

28 



Dingen anders als süß sein könne, indem ja die Namen sich 
nach den benannten Dingen richten, wie geschrieben steht : 
Nomina sunt consequentia rerum (Die Namen sind die Folge 
der Dinge). Der vierte Gedanke war dieser: Die Dame, um 
derentwillen die Liebe dich so bedrängt, ist nicht wie andere 
Frauen, so daß sie leicht ihr Herz verschenkte. — Jeder 
dieser Gedanken bestürmte mich dermaßen, daß ich da* 
stand wie einer, der nicht weiß, nach Welcher Richtung er 
seinen Weg einschlagen soll, der gehen möchte, aber nicht 
weiß, von wo aus. Und wenn ich daran dachte, einen ge* 
meinsamen Weg für sie zu suchen, d. h. auf dem sich alle 
Gedanken vereinbaren ließen, so verhielt sich dieser Weg 
— nämlich das Mitgefühl anzurufen und mich unter seinen 
Schutz zu stellen — durchaus ablehnend gegen mich. In 
diesem Zustande kam mir der Wunsch zu dichten, und ich 
verfaßte daraufhin folgendes Sonett : 

Von Liebe sagen all meine Gedanken 

und sind doch unter sich so gar verschieden; 
der eine läßt mich wünschen ihre Herrschaft; 
der andre schätzet ihren Wert als Torheit. 

Der eine, hoffend, bringt mir süße Wonne; 
ein andrer zwinget oftmals mich zu weinen, 
und nur im Flehn um Mitleid sind sie einig, 
wenn sie die Angst im Herzen läßt erzittern. 

Drum weiß ich nicht, was ich als Stoff soll wählen; 
ich möchte dichten und weiß nichts zu sagen, 
so sehr bin ich verirrt in Liebeswirren. 

Und will ich den Vergleich mit allen schließen, 
muß ich mich bittend wenden an die Feindin, 
Madonna Mitleid, daß sie für mich spreche. 

Dieses Sonett zerfällt in vier Teile. Im ersten Teil sage ich 

29 



und lege dar, wie alle meine Gedanken die Liebe betreffen; 
im zweiten sage ich, daß sie verschieden sind, und zeige, worin 
ihre Verschiedenheit besteht; im dritten sage ich, worin 
sie alle übereinstimmen; im vierten, daß ich, wenn ich von 
Liebe dichten will, nicht wisse, woher ich den Stoff nehmen 
solle; wolle ich ihn aber von allen Gedanken zusammen her' 
nehmen, so müsse ich meine Feindin, Madonna Mitleid, an* 
rufen. »Madonna« sage ich aber in gleichsam spöttischer Rede= 
weise. Der zweite Teil beginnt: »und sind doch unter sich«, 
der dritte: »und nur im Flehn«, der vierte: »Drum weiß ich 
nicht«. 

14 

Als dieser Angriff verschiedener Gedanken vorüber war, 
da geschah es einmal, daß die Holdeste dahin kam, wo viele 
anmutige Damen versammelt waren ; und auch ich wurde 
dorthin von einem Freunde geführt, der mir einen großen 
Gefallen zu erweisen glaubte, wenn er mich mit hin nähme, 
wo so viele Frauenschönheit zu sehen wäre. Da ich kaum 
wußte, wohin ich geführt wurde, und ihm vertraute, der 
(mich) seinen Freund bis dahin geführt hat, wo das Leben 
aufhört, so fragte ich ihn : »Warum sind wir eigentlich zu 
diesen Frauen gegangen?« Da antwortete mir jener: »Um 
dazu beizutragen, .daß sie würdig bedient werden.« Die 
Sache ist die, daß sie hier bei einer vornehmen Dame, die 
an diesem Tage vermählt worden war, sich eingefunden 
hatten, um ihr, als sie zum erstenmal in der Wohnung ihres 
jungen Gatten zu Tische saß, Gesellschaft zu leisten, wie 
es in der erwähnten Stadt Sitte war. So entschloß ich mich 
denn, da ich glaubte, meinem Freunde einen Gefallen zu 
erweisen, zum Dienste der Frauen bei ihm zu bleiben. 
Kaum war ich dazu bereit, da spürte ich ein wunderliches 

30 



Zittern, das von der linken Seite meiner Brust ausging und 
sich schnell über meinen ganzen Körper verbreitete. Ich 
suchte dies zu verbergen, indem ich mich an die Wandmalerei 
anlehnte, mit der die Halle ringsum geschmückt war. In der 
Furcht, es könne jemand mein Zittern bemerkt haben, 
schlug ich die Augen auf und sah, nach den Frauen bliks 
kend, unter ihnen die holdeste Beatrice. Da wurden meine 
Geister durch die Übermacht, die Amor gewann, als er mich 
so nahe der holdesten Herrin sah, derart zerstört, daß von 
ihnen nur die Gesichtsgeister am Leben blieben, und auch 
diese befanden sich außerhalb ihrer Organe, weil Amor 
ihren Ehrenplatz einnehmen wollte, um die wunderbare 
Frau anzuschauen. Und obgleich ich wie umgewechselt war, 
so tat es mir doch leid um diese Geisterchen, die Jammer? 
ten : »Hätte uns der da nicht so aus unserer Behausung hin* 
ausgeblitzt, so könnten wir, wie andere unsersgleichen, dort 
sein und dasWunder dieser Frau betrachten.« Viele von den 
Frauen, welchen die Veränderungen an mir auffiel, fingen 
an, sich darüber zu verwundern, und machten sich im Ge* 
sprach mit der Holdesten über mich lustig. Als mein Freund 
dies bemerkte, nahm er mich wohlmeinend an der Hand, und 
mich den Blicken dieserj Damen entziehend, fragte er mich, 
was mir sei. Als ich mich ein wenig erholt hatte und meine 
erstorbenen Geister auferstanden, und die verjagten wieder 
in ihr Besitztum zurückgekehrt waren, sprach ich zu meinem 
Freunde also: »Ich stand mit den Füßen an jener Stelle des 
Lebens, wo man keinen Schritt weiter tun darf, wenn man 
die Absicht hat, zurückzukehren.« Ich nahm Abschied von 
ihm und kehrte heim in mein Tränenkämmerlein, wo ich 
weinend und beschämt zu mir sagte: »Schwerlich würde 
diese Dame über mich gespottet haben, wenn sie meinen 
Zustand verstünde; ich glaube eher, daß sie inniges Mit* 

31 



leid darob empfunden hätte.« Während ich noch weinte, 
nahm ich mir vor, ein Gedicht zu verfassen, in welchem 
ich, sie anredend, den Grund meines Außersichseins an* 
geben und sagen wollte, daß ich wohl wisse, dieser sei uns 
bekannt; wenn er aber bekannt wäre, so würden andere 
wahrscheinlich Mitleid darob empfinden. Dies in Verse zu 
bringen beschloß ich mit dem Wunsche, daß sie der Zu* 
fall ihr zu Gehör bringen möge. Darauf dichtete ich folgen* 
des Sonett: 

Mit andern Frau'n verspottet ihr mein Aussehn, 
und ihr bedenkt nicht, Donna, wie es kommt, 
daß ich auch sonderbar entstellt erscheine ; 
wenn eure Schönheit meine Augen bannt. 

Verstündet ihr's, dann könnt' sich mir das Mitleid 
so abhold, wie es pflegt, nicht länger zeigen. 
Sieht nämlich Amor mich in eurer Nähe, 
dann fühlt er sich so kühn und unternehmend, 

daß er auf meine zagen Sinne einstürmt, 
die einen tötet und verdrängt die andern, 
bis er allein zurückbleibt, euch zu schauen. 

Verwandelt bin ich dann und ganz ein Andrer; 

doch nicht so sehr, daß ich dann nicht mehr fühlte 
die Klage der gemarterten Verjagten. 

Dieses Sonett teile ich nicht ein, weil eine Einteilung nur da= 
zu dient, den Sinn des eingeteilten Gegenstandes zu erschließ 
ßen; weil nun dieser durch die vorher mitgeteilte Veranlas* 
sung genügend erklärt wird, so bedarf es keiner Einteilung. 
Es ist wohl wahr, daß da, wo der Anlaß zu diesem 
Sonett angegeben wird, unklare Worte stehen, z. B. 
dort, wo ich sage, daß Amor alle meine Geister tötet 

32 



und die Geister des Gesichtes am Leben bleiben, je= 
doch außerhalb ihrer Organe. Solches Bedenken 
kann man keinem klären, er wäre denn in gleichem 
Maße ein Getreuer der Liebe. Denjenigen, welche 
das sind, ist schon alles bekannt, was etwaige Be= 
denkenwegendieser Worte zerstreuen kann. Anderen 
aber ihre Zweifel benehmen zu wollen, halte ich für 
zwecklos, denn alles , was ich zur Erläuterung sagen 
würde, wäre so vergeblich wie überflüssig. 



15 



Nachdem jene seltsame Umwandlung mit mir vorgegangen 
war, drängte sich mir unablässig ein selbstbewußter Ge* 
danke auf, der nur selten von mir wich und mir folgendes 
vorhielt: »Da dein Aussehen so spott würdig wird, wenn 
du dieser Dame nahe kommst, warum suchst du trotz* 
dem sie zu sehen? Siehe, wenn du von ihr gefragt würdest, 
was könntest du ihr antworten, selbst wenn du über all 
deine Kräfte so frei verfügtest, um ihr antworten zu kön* 
nen?« — Diesem entgegnete ein anderer bescheidener Ge* 
danke, der sagte : »Wenn ich nicht die Gewalt über mich 
verlöre und frei zu ihr sprechen könnte, so würde ich ihr 
sagen, daß, wann immer ich mir ihre bewundernswürdige 
Schönheit vergegenwärtige, mich alsbald das Verlangen, sie 
zu sehen, mit solcher Macht ergreift, daß es in meinem Ge* 
dächtnis alles auslöscht und tötet, was sich dagegen auf* 
lehnen könnte. Darum halten mich alle erduldeten Qualen 
nicht ab, ihren Anblick zu suchen.« — Von solchen Ge* 
danken beherrscht, nahm ich mir vor, ihnen Worte zu ver* 
leihen, die mich bei dieser Dame vor derartigen Vorwürfen 
rechtfertigen und zugleich vorbringen sollten, wir mir in 

3 Dante 33 



ihrer Nähe geschieht. Und so dichtete ich das folgende 
Sonett: 

Was mir geschehn, entschwindet dem Gedächtnis, 
wenn ich euch schaue, schöner Edelstein ; 
und bin ich nah' auch, hör' ich Amor warnen : 
»Entflieh', willst du entgehen dem Verderben! 

Das Antlitz trägt die Farbe meines Herzens, 
das todgeweiht umher nach Stütze tastet; 
und wie von trunknem Taumel überfallen, 
mein' ich, die Steine schrieen: »Stirb doch, stirb!« 

Wer mich dann sieht, lädt eine Schuld auf sich, 
wenn keinen Trost er bringt der bangen Seele, 
indem er zeigt, daß meiner ihn erbarme 

aus Mitgefühl, das ihr mit Spotten tötet, 
und das erregt wird durch die Sterbeblicke 
der Augen, die sich nach dem Tode sehnen. 

Dieses Sonett zerfallt in zwei Teile.Im erstengebe ich den Grund 
an, warum ich mich nicht enthalte, die Nähe dieser Dame zu 
suchen;im zweiten schildre ich,wasmirinfolge ihrerNähe wider* 
fährt. Dieser zweite Teil beginnt: »und bin ich nah' euch«; er 
zerfallt wiederum in fünf Teile, entsprechend fünf verschiede* 
nen Angaben: Im ersten teile ich mit, was die von der Vernunft 
beratene Liebe mir sagt, wenn ich der Dame nahe bin; im 
zweiten beschreibe ich den Zustand meines Herzens unter 
Hinweis auf mein Aussehn; im dritten schildre ich, wie mir 
alles Selbstvertrauen schwindet; im vierten sage ich, daß eine 
Sünde begeht, wer mich nicht bemitleidet, weil das mir Trost 
brächte; im letzten Teil sage ich, warum eine andere Person 
mich bemitleiden sollte, nämlich wegen des mitleiderregen= 
den Ausdrucks, der in meinen Augen liegt. Dieser klagende 
Ausdruck wird vernichtet, d. h. er wird von andern nicht be* 

34 



merkt, infolge des Spötteins dieser Dame, die zu ähnlichem 
Tun auch andere verleitet, die vielleicht meinen Kummer sehen 
würden.— Der zweite Teil fangt an: »Das Antlitz trägt«; der 
dritte: »und wie von trunknem«; der vierte : »Wer mich dann 
sieht«; der fünfte: »aus Mitgefühl«. 

16 

Nachdem ich dieses Sonett gedichtet hatte, kam mir die 
Lust, noch ein anderes zu verfassen, in welchem ich vierer* 
lei von meinem Zustand sagen wollte, was ich noch nicht 
ausgesprochen zu haben glaubte. — Erstens, daß es mich 
oft grämte, wenn mein Gedächtnis die Phantasie bewog, 
sich auszumalen, was die Liebe aus mir gemacht habe. Zwei* 
tens, daß mich die Liebe oft so mächtig überfiel, daß in mir 
nichts anderes mehr am Leben blieb, als ein einziger Ge* 
danke, der von dieser Dame sprach. Drittens, daß, wenn 
mich dieser Lfebesansturm packte, ich mich leichenblaß auf* 
machte, um diese Dame zu sehen, in der Meinung, ihr An* 
blick werde mich vor dem Angriff schützen, und uneinge* 
denk dessen, was mir bevorstand, wenn ich mich solcher 
Holdseligkeit näherte. Viertens, wie jener Anblick mich 
nicht nur nicht beschirmte, sondern schließlich noch das 
letzte Restchen meines Lebens aufzehrte. — Und darüber 
verfaßte ich das folgende Sonett: 

Oft tritt mir vor die Seele, wie so lichtlos 
das Dasein, das die Liebe mir bereitet, 
so daß ich mitleidvoll mich häufig frage : 
Achl ist denn jemand Gleiches je geschehen? 

Wenn Amor so urplötzlich auf mich einstürmt, 
daß mich das Leben zu verlassen droht 

35 



hält bei mir aus nur ein lebend'ger Geist, 
und dieser bleibt, weil er von euch erzählet. 

Dann zwing' ich mich, mir Beistand zu verschaffen, 
und totenbleich und aller Kraft beraubt 
komm' ich, an eurem Anblick zu gesunden. 

Doch heb' ich nur den Blick, euch anzuschaun, 
Dann pocht mein Herz in schütterndem Erbeben, 
das aus den Pulsen mir das Leben scheucht. 

Dieses Sonett hat vier Teile, gemäß den vier Dingen, von 
denen es spricht. Da diese bereits oben angegeben sind, be= 
schränke ich mich darauf, die Teile durch ihre Anfänge zu 
bezeichnen und sage, daß der zweite Teil anfängt mit den 
Worten: »Wenn Amor«; der dritte mit: »Dann zwing ich 
mich«; der vierte mit: »Doch heb' ich nur«. 



17 



Nachdem die drei Sonette, in denen ich zu dieser Dame 
sprach, gedichtet waren, so glaubte ich — weil darin nahezu 
alles, was meinen Zustand betraf, gesagt war — fürderhin 
schweigen und nicht weiter dichten zu sollen ; war mir doch, 
als hätte ich genug von mir verraten. Wenngleich ich also 
meine Gedichte nicht mehr an sie richtete, so blieb mir nur 
übrig, einen neuen und edleren Stoff als den bisherigen zu 
wählen. Da es unterhaltend anzuhören ist, wie ich zu einem 
neuen Stoff veranlaßt wurde, so will ich es so kurz als mög* 
lieh erzählen. 

18 

Wenn schon infolge meines Aussehens viele Leute das Ge* 
heimnis meines Herzens erraten hatten, so wußten einige 

36 



Damen um so genauer, wie es damit stand, da jede von 
ihnen schon bei vielen meiner Niederlagen zugegen ge* 
wesen war. Diese waren zusammengekommen, um sich in 
Gesellschaft miteinander zu unterhalten, und als ich, wie 
vom Zufall geführt, bei ihnen vorüberging, wurde ich von 
einer dieser holden Damen angerufen, die gar anmutig und 
frisch zu reden wußte. Als ich nun herangekommen war 
und wohl sah, daß meine holdeste Herrin nicht bei ihnen 
war, fühlte ich mich beruhigt, grüßte sie und fragte, was 
ihnen beliebte. Es waren aber der Damen gar viele; einige 
kicherten heimlich miteinander, andere schauten mich an 
und warteten, was ich wohl sagen werde, und wieder andere 
flüsterten zusammen. Eine von diesen wandte ihre Augen 
nach mir, rief mich beim Namen und sprach : »Wozu liebst 
du eigentlich deine Herrin, da du doch ihre Gegenwart 
nicht ertragen kannst? Sage es uns doch, denn wirklich, 
das Ziel einer solchen Liebe muß ja ein ganz merkwürdiges 
sein.« Nachdem sie so zu mir gesprochen hatte, verriet nicht 
nur sie, sondern auch alle anderen in ihren Mienen die 
Spannung, mit der sie auf meine Antwort warteten. Darauf 
sagte ich ihnen folgendes : »Meine werten Damen, das Ziel 
meiner Liebe war einst der Gruß jener Frau, an die ihr viel* 
leicht denkt; in diesem Gruße lag die Glückseligkeit, die 
das Ziel all meiner Wünsche war. Da es ihr aber gefallen 
hat, ihn mir zu verweigern, so hat Amor mein Gebieter — 
Dank sei ihm ! — mein ganzes Glück in etwas gelegt, das 
mir nicht geschmälert werden kann.« Nun fingen die Damen 
an untereinander zusprechen, und wie wir bisweilen Regen* 
tropfen mit schönem Schnee gemischt niederfallen sehen, so 
schien mir das Anhören ihrer Worte, die mit Seufzern ge* 
mischt hervorkamen. Als sie so eine Weile miteinander ge* 
redet hatten, sprach die Dame, die zuerst das Wort ergriffen 

37 



hatte zu mir: »Wir bitten dich, sage uns, worin diese deine 
Glückseligkeit liegt.« Als Antwort darauf sagte ich nur: 
»In den Versen, die meine Herrin preisen.« Da entgegnete 
mir die Wortführerin : »Wenn du uns die Wahrheit gesagt 
hättest, dann müßtest du ja jene Verse, in welchen du deinen 
Zustand schildertest, in einer ganz anderen Absicht verfaßt i 
haben.« Als ich nun über diese Worte nachsann, verab* 
schiedete ich mich etwas beschämt von ihnen und sagte im 
Gehen bei mir selbst: »Wenn doch so große Seligkeit für 
mich in den Worten liegt, die meine Herrin preisen, war* 
um habe ich denn anders gedichtet?« Und so nahm ich mir 
vor, fortan nur das zum Gegenstand meines Dichtens zu 
wählen, was jener Holdesten zum Preise dient. Als ich aber 
ernstlich darüber nachdachte, dünkte es mir, ich unter 
nähme da eine für mich zu hoch liegende Aufgabe und 
wagte nicht anzufangen. So schwankte ich einige Tage 
lang zwischen dem Wunsch zu dichten und der 
Scheu vor dem Beginnen. 



38 



19 



Es geschah einmal, als ich auf einem Wege dahinschritt, dem 
entlang ein gar klarer Bach floß, daß mich so große Lust zu 
dichten anwandelte, daß ich sofort zu überlegen begann, auf 
welche Weise ich dabei verfahren wollte. Ich dachte, es 
möchte sich nicht ziemen, anders von ihr zu sprechen als so, 
daß ich mein Wort an Frauen in der zweiten Person rieh* 
tete; auch nicht an jede beliebige Frauen, sondern nur an 
solche, die edler Art und nicht bloß Weiber sind. Da fing, 
wie ich sage, meine Zunge wie aus eigenem Antrieb zu 
sprechen an und sagte : »Ihr Frauen, die Verständnis habt 
für Liebe.« Diese Worte bewahrte ich mit großer Freude 
im Gedächtnis und gedachte sie als Anfang zu verwenden. 
Dann kehrte ich in die oben erwähnte Stadt zurück und be* 
gann, nachdem ich einige Tage nachgesonnen hatte, eine 
Kanzone mit jenen Anfangsworten und so geordnet, wie 
man es unten aus der Einteilung ersehen kann : 

Ihr Frauen, die Verständnis habt für Liebe, 
mit euch möcht' ich von meiner Herrin reden; 
nicht, daß ihr Lob ich zu erschöpfen wähnte, 
nur, um im Lied die Seele zu erleichtern. 
Seht, wenn ich ihres hohen Werts gedenke, 
dann fühl' ich so der Liebe süße Regung, 
daß, wenn mich dann die Kühnheit nicht verließe, 
ich minnetrunken machte alle Menschen. 
So hoch versteigt sich meine Rede nicht, 
daß mich die Vorsicht zum Verzagen brächte ; 
drum spreche ich vom Adel ihres Wesens 
voll Ehrerbietung, ganz in schlichter Weise 
mit euch« ihr minnelichen Frau'n und Mädchen, 

39 



— mit andern kann man ja davon nicht reden. 

Ein Engel ruft in göttlicher Erkenntnis 

und spricht: »O Herr, auf Erden ist zu schauen 
ein Wunder in Gestalt, hervorgegangen 
aus einer Seele, die bis hierher strahlt.« 
Die Himmelsphäre, welcher sonst nichts mangelt 
als ihr Besitz, heischt sie von ihrem Herrn, 
und alle Heil'gen flehn um solche Gnade. — 
Für uns hienieden spricht nur die Erbarmung, 
denn Gott, von meiner Fraue sagend, spricht: 
»Geliebte, duldet friedsam, daß, so lange 
ich will, dort bleibe die von euch Erhoffte, 
wo, bang sie zu verlieren, einer lebt, 
der in der Hölle sagen wird: »Unsel'ge! 
ich schaute sie, auf die die Sel'gen hoffen.« 

Nach meiner Fraue sehnt der Himmel sich, 
drum will ich ihre Tugendkraft euch künden : 
Will eine Frau für edel gelten, sollte 
sie folgen ihr; denn wo des Wegs sie geht, 
haucht Amor Frost in rohgesinnte Herzen, 
der all ihr Denken läßt zu Eis erstarren. 
Doch hielt es einer aus, sie anzusehen, 
er müßte sich veredeln oder sterben. 
Und trifft sie jemand, ihres Anblicks würdig, 
der fühlet ihre Macht: Ihm wird zuteil, 
daß sie mit ihrem Gruße ihn beschenkt, 
und mild gesinnt vergißt er jede Kränkung. 
Als größre Gnade noch verlieh ihr Gott, 
daß schlecht nicht endet, wer mit ihr gesprochen. 

Von ihr sagt Amor: »Wie kann es nur sein, 
daß also zier und rein ein sterblich Wesen?« 
Dann, sie betrachtend, schwört er bei sich selber, 



40 



daß Gott in ihr ein Neues wollt' erschaffen. 
Ihr Antlitz zeigt der Perlenfarbe Blässe, 
so wie sie Frauen schmückt, nicht allzusehr. 
Sie ist das höchste, was Natur vollbrachte ; 
mit ihr vergleichend wertet man die Schönheit. 
Von ihren Augen ziehn, wohin sie blickt, 
die Liebesgeister aus, von Glut erfüllt, 
die Augen jedem blendend, den sie treffen, 
und alle finden ihren Weg zum Herzen.- 
Ihr seht der Liebe Bild in ihrem Lächeln, 
drum kann sie keiner festen Blicks betrachten. 
Mein Lied, ich weiß, daß du wirst singend wandern 
zu vielen Frau'n, sobald ich dich entlassen; 
drunvmahn' ich dich — weil ich dich hab' erzogen 
zu einem jungen, schlichten Amorskinde — 
daß da, wohin du kommst, du bittend sprechest: 
»O zeigt den Weg mir, denn ich bin gesandt 
zu ihr, mit deren Preise ich geschmückt bin.« 
Doch willst du nicht wie eine Törin wandern, 
so halte dich nicht auf, wo rohes Volk ist. 
Bemüh' dich möglichst, dich nur kund zu tun 
bei Frau'n und Männern feiner Sitte, 
die auf dem nächsten Weg dich führen werden. — 
Mit ihr zusammen wirst du Amor finden; 
empfiehl mich ihnen, wie es dir geziemt. 

Damit diese Kanzone recht gut verstanden werde, will ich sie 
künstlicher einteilen als die vorhergehenden Gedichte und 
mache daraus zunächst drei Teile. Der erste Teil ist Einlei* 
hing zu den darauffolgenden Worten; der zweite Teil ist die 
eigentliche Abhandlung, der dritte gleichsam ein Diener des 
vorhergegangenen. Der zweite Teil fängt an : »Ein Engel 

41 



ruft«; der dritte: »Mein Lied«. — Der erste Teil hat vier Ab= 
teilungen: In der ersten sage ich, zu wem ich von meiner 
Herrin reden will und warum; in der zweiten sage ich, wie 
geschaffen ich mir selber vorkomme, wenn ich ihres Wertes 
gedenke, und wie ich reden würde, wenn ich den Mut nicht 
verlöre; in der dritten sage ich, wie ich von ihr zu reden ge= 
denke, ohne von Kleinmut behindert zu werden; in der vierten 
wiederhole ich, zu wem ich reden will, und gebe den Grund 
an, warum ich zu ihnen rede. Die zweite Abteilung fängt an: 
»Seht, wenn ich«; die dritte: »So hoch versteigt sich«; die 
vierte: »Mit euch, ihr minnelichen«. — Wenn ich dann sage: 
»Ein Engel ruft«, so beginne ich von jener Frau zu handeln, 
und dieser Teil zerfallt in zwei: Im ersten spreche ich davon, 
was man von ihr im Himmel denkt; im zweiten -*- dort wo es 
heißt: »Nach meiner Fraue« —, was man von ihr auf Erden 
denkt. Dieser Teil zerfällt in zwei Abteilungen, in deren erster 
ich von ihr in bezug auf den Adel ihrer Seele [ich zähle einige 
von ihren Tugenden auf, die aus der Seele stammen], und in 
deren zweiter ich von ihr in bezug auf den Adel ihres Leibes 
spreche [ich erwähne einige ihrer Schönheiten], dort wo es 
heißt: »Von ihr sagt Amor«. — Diese zweite Abteilung zer= 
fällt wiederum in zwei: In der ersten spreche ich von einigen 
Schönheiten ihrer ganzen Person; in der zweiten von einigen 
Schönheiten, die sich auf einen bestimmten Teil ihrer Person 
beziehen. — Die zweite Abteilung zerfällt nochmals in zwei, 
denn ich spreche in der einen von ihren Augen, die der An* 
fangspunkt der Liebe sind, und in der zweiten von ihrem 
Munde, dem Zielpunkt der Liebe. Und auf daß hier kein 
sündhafter Gedanke aufkomme, möge sich der Leser erin* 
nern, was oben geschrieben steht, nämlich daß der Gruß 
dieser Dame, der zu den Tätigkeiten des Mundes gehört, das 
Ziel meiner Wünsche war, so lange ich ihn empfangen konnte, 

42 



— Wenn ich schließlich sage: »Mein Lied, ich weiß«, soßige 
ich eine Stanze gleichsam als Magd der übrigen hinzu und 
sage in ihr, was ich von meiner Kanzone wünsche. Und weil 
dieser Teil leicht zu verstehen ist, so brauche ich mich nicht 
mit weiterer Einteilung zu befassen. — Ich bemerke aber, daß 
es, um den Sinn dieser Kanzone noch deutlicher zu machen, 
nötig wäre, noch eingehendere Einteilungen vorzunehmen. ln= 
dessen, wer nicht soviel Scharfsinn besitzt, sie vermittelst der 
gegebenen zu verstehen: von dem ist es mir lieber, wenn er 
mir die Kanzone ganz unbeachtet läßt, denn ich müßte be= 
fürchten, allzuvielen den Sinn schon durch die gemachten 
Einteilungen mitgeteilt zu haben, wenn es geschähe, daß viele 
sie zu hören bekämen. 

2o 

Nachdem diese Kanzone unter den Leuten etwas ver* 
breitet war, hatte einer meiner Freunde, der sie gehört hatte, 
Lust, mich zu bitten, ich möge ihm sagen, was die Liebe sei, 
weil er vielleicht nach den vernommenen Versen mehr von mir 
erwartete, als ich verdiente. Da ich meinte, es sei nach einer 
solchen Abhandlung ganz angebracht, etwas von der Liebe 
zu sagen, auch dem Freunde gefällig sein wollte, so be* 
schloß ich etwas zu dichten, das von der Liebe handle und 
verfaßte alsdann folgendes Sonett : 

Die Liebe und das edle Herz sind eins, 
wie uns der Weise lehrt in seinem Liede. 
Man kann so wenig eins vom andern trennen, 
wie die vernünft'ge Seele von Vernunft. 

Es fl macht Natur in mütterlicher Liebe 

Amor zum Herrn, das Herz zum Kämmerlein, 
darinnen er in einem Schlummer ruht, 

43 



der kürzre oder längre Zeit mag währen. 

In zücht'ger Frau Gestalt naht dann die Schönheit 
die so das Aug' entzückt, daß tief im Herzen 
nach dem Entzückenden entsteht ein Sehnen. 

Und dieses bleibt so lange dann da drinnen, 
bis es den Geist der Liebe hat geweckt. — 
So wirkt auch auf das Weib ein Mann von Wert. 

Dieses Sonett hat zwei Teile. Im ersten rede ich von der Liebe, 
insofern sie als Beanlagung vorhanden ist; im zweiten rede 
ich von ihr, insofern sie aus der Beanlagung in Wirkung über= 
geht. Der zweite Teil beginnt: »In zücht'ger Frau«. Der erste 
Teil zerfällt in zwei Abteilungen ; in der ersten sage ich, in 
welchem Gegenstand diese Beanlagung vorhanden ist; in der 
zweiten, wie dieser Gegenstand und diese Beanlagung zusam= 
men ins Dasein treten, und zeige, daß sich eines zum anderen 
verhält, wie die Form zur Materie. Diese zweite Abteilung 
beginnt: »Es macht Natur«. Wenn ich dann weiter sage: »In 
zücht'ger Frau Gestalt«, so lege ich dar, auf welche Weise 
jene Beanlagung in Wirkung übergeht, und zwar zuerst, wie 
dies beim Manne stattfindet, und dann — dort wo es heißt: 
»So wirkt auch« — wie dies stattfindet beim Weibe. 

21 

Nachdem ich in dem vorstehenden Sonett von der Liebe 
gesprochen, bekam ich Lust, auch einige Worte zum Preise 
jener Holdesten zu sagen und in ihnen zu zeigen, wie durch 
sie die Liebe geweckt wird. Und nicht nur, wie sie da ge* 
weckt wird, wo sie schon schlummert ; sondern wie die Hol* 
deste durch eine wunderbare Einwirkung sogar dort Liebe 
entstehen läßt, wo sie nicht einmal als Beanlagung vornan* 
den war. Und so schrieb ich dieses Sonett : 

44 



Im Auge meiner Herrin wohnt die Liebe ; 

drum wird veredelt, was ihr Blick getroffen. 

Wo sie auch geh' : nach ih* sich alle wenden, 

und dem ihr Gruß zuteil wird, pocht das Herz, 
so daß das Antlitz er erblassend neigt 

und über alle seine Mängel seufzt. 

In ihrer Gegenwart flieht Zorn und Hochmut. 

— Helft, Frauen, mir, ihr Ehre zu erweisen! — 
Jedwede Süße, mildes Denken keimt 

im Herzen dessen, der sie reden hört; 

drum ist zu preisen, wer sie erstlich sah. 
Wie sie erscheint, wenn sie ein wenig lächelt, 

nicht sagen läßt sich's, nicht im Sinn bewahren; 

solch' niegesehnes holdes Wunder ist es. 

Dieses Sonett zerfällt in drei Teile. Im ersten sage ich, wie 
diese Frau die Möglichkeit in Tätigkeit übergehen läßt in he= 
zug auf ihre hochedlen Augen; im dritten sage ich das gleiche 
in bezug auf ihren hochedlen Mund. Zwischen beiden Teilen 
steht ein Teilchen, das den vorhergehenden und den nach= 
folgenden Teil gleichsam um Hilfe bittet und anfängt: »Helft, 
Frauen«. Der dritte Teil beginnt bei: »Jedwede Süße«. — 
Der erste Teil zerfällt in drei. Im ersten sage ich, wie sie 
machtvoll alles adelt, was sie ansieht, und das heißt soviel 
als Beanlagung dort hervorbringen, wo solche nicht vorhan* 
den ist. Im zweiten sage ich, wie sie die Liebe in den Herzen 
all derer, die sie anschaut, in Tätigkeit setzt. Im dritten Teil 
erwähne ich, was sie in deren Herzen bewirkt. Der zweite 
Teil hebt an: »Wo sie auch geh'«; der dritte: »und dem ihr 
Gruß«. — Wenn ich dann sage: »Helft, Frauen, mir«, so gebe 
ich zu verstehen, mit wem ich zu sprechen im Sinn habe; ins 
dem ich nämlich die Frauen anrufe, daß sie mir helfen sollen, 

45 



sie zu ehren. Hievauf sage ich, mit den Worten »Jedwede 
Süße« beginnend, dasselbe, was im ersten Teil gesagt wurde, 
aber in bezug auf die Tätigkeiten ihres Mundes, deren eine 
in ihrem süßen Reden, und deren zweite in ihrem wunder* 
baren Lächeln besteht; nur daß ich von letzterem nicht an* 
gebe, wie es in den Herzen anderer wirkt, weil das Gedacht* 
nis weder dieses Lächeln noch seine Wirkung festzuhalten 
vermag. 

22 

Nicht lange darauf, als es dem Herrn der Glorie, der 
auch sich den Tod nicht erspart hat, gefiel, da schied der 
Erzeuger eines so großen Wunders, als welches die hol* 
deste Beatrice anzusehen ist, aus diesem Leben und ging 
gewiß ein zur ewigen Herrlichkeit. Da ein solcher Abschied 
für die Hinterbliebenen und Freunde des Hinscheidenden 
schmerzlich ist, aber auch keine Freundschaft inniger ist, 
als die zwischen einem guten Kind und einem gutenVater ; 
dieser Frau aber alle Güte im höchsten Grade zu eigen, und 
auch ihr Vater [wie viele überzeugt sind und wie es der 
Wahrheit entspricht] gar gütig war : so ist es begreiflich, daß 
bitterster Schmerz sich meiner Herrin bemächtigte. Da es 
in obengenannter Stadt Brauch ist, daß Frauen die Frauen 
und Männer die Männer bei solchen Trauerfällen besuchen, 
so fanden sich viele Frauen dort bei der schmerzlich wei* 
nenden Beatrice ein. Und als ich einige Frauen von ihr 
zurückkommen sah, da hörte ich sie von der Holdesten 
und ihrem Leide sprechen. Unter anderem hörte ich sie 
sagen: »Sie weint wirklich so, daß, wer es mit ansieht, vor 
Mitleid sterben könnte.« Die Frauen gingen vorüber, und 
ich blieb in solcher Betrübnis zurück, daß manche Träne 
mein Gesicht benetzte, was ich dadurch zu verbergen 

46 \ 



suchte, daß ich öfters meine Augen mit den Händen be* 
deckte. Und wäre es mir nicht darum zu tun gewesen, noch 
mehr von ihr zu hören [ich stand nämlich an einem Platze, 
wo die meisten Frauen vorüberkamen], so hätte ich mich 
sogleich entfernt, denn die Tränen übermannten mich. Ich 
verweilte also noch an dieser Stelle, als wieder Frauen an 
mir vorübergingen, die im Gehen also miteinander sprachen : 
»Wer von uns, die wir sie kummervoll haben sprechen 
hören, könnte je wieder fröhlich werden.« Und andere 
gingen vorüber, die sagten: »Dieser dort weint grade so, 
als hätte er sie gesehen, wie wir sie sahen.« Wieder andere 
sagten von mir: »Seht, dieser scheint nicht mehr er selbst, 
so sehr ist er verwandelt.« 

So und mit diesen Worten, wie ich sie hier wiederhole, 
hörte ich die vorübergehenden Frauen über sie und über 
mich reden. Als ich dem nachdachte, nahm ich mir vW, wo* 
zu ich ja einen würdigen Grund hatte, einige Verse zu dich* 
ten, in welchen ich alles zusammenfassen wollte, was ich 
von jenen Frauen gehört hatte. Und weil ich sie, wäre es 
nicht unschicklich gewesen, gerne gefragt hätte, so wollte 
ich meinen Stoff so gestalten, als wenn ich es wirklich getan 
und von ihnen Antwort erhalten hätte. So verfaßte ich denn 
zwei Sonette ; in dem einen frage ich sie, wie ich gerne getan 
hätte, in dem anderen lasse ich sie antworten, indem ich 
das von ihnen Gehörte so hinstelle, als sei es ihre Antwort 
auf meine Frage gewesen. Das erste Sonett beginnt mit den 
Worten: »Ihr, die ihr so betrübt das Antlitz neigt«; das 
zweite : »Bist du es, der von unsrer Herrin«. 

Ihr, die ihr so betrübt das Antlitz neigt 

und Schmerz zur Schau tragt im gesenkten Blicke ; 
von woher kommt ihr, daß sich eure Farbe 

47 



so umgewandelt zeigt in Trauerblässe? 

Habt ihr gesehen unsre holde Herrin 
mit Liebeszähren ihre Wangen feuchten? 
O sagt mir's, Frauen, denn mir sagt's das Herz, 
seh' ich euch gehn in dieser ernsten Haltung. 

Und wenn ihr kommt von dort, wo soviel Jammer, 
so wollt ein wenig hier bei mir verweilen 
und, was auch mit ihr sei, mir nicht verhehlen. 

Ich seh' an euren Augen, daß sie weinten, 

und seh' euch so entstellt von dorten kommen, 
daß mir das Herz fast bricht, all' das zu schauen. 

Dieses Sonett zerfällt in zwei Teile. Im ersten rufe ich die 
Frauen an, frage sie, ob sie von ihr kommen, und sage ihnen, 
daß ich dies glaube, weil sie gleichsam wie veredelt zurück= 
kommen. Im zweiten Teil bitte ich sie, mir von ihr zu be= 
richten. Der zweite Teil fängt an: »Und wenn ihr kommt«. 

Bist du es, der so oft von unsrer Herrin 
gesungen hat und nur zu uns gesprochen? 
Wohl gleichst du ihm, dem Klang der Stimme nach, 
jedoch dein Aussehn will uns fremd bedünken. 

Und warum weinst du so aus Herzens Grund, 
daß du das Mitleid andrer für dich weckst? 
Sahst du sie weinen, daß du nicht vermagst 
den Kummer deiner Seele zu verbergen? 

Laß uns das Weinen, uns laß gehn in Trauer. 
Unrecht beginge, wer uns trösten wollte, 
die wir gehört, was schluchzend sie gesprochen. 

Das Herzeleid sprach so aus ihren Zügen, 
daß, wer sie recht betrachten hätte wollen, . 
vor ihr in Tränen wäre hingestorben. 

48 



Dieses Sonett hat vier Teile, in Übereinstimmung damit, daß 
die Frauen, für die ich antworte, auf viererlei Weise sprechen. 
Weil dies schon oben deutlich genug erklärt wurde, so brauche 
ich den Sinn der Teile nicht zu erläutern und begnüge mich 
damit, sie zu unterscheiden. Der zweite Teil fängt an: »Und 
warum weinst du«; der dritte: »Laß uns das Weinen«; der 
vierte: »Das Herzeleid«. 

23 

Wenige Tage nach dieser Begebenheit wurde mein Körper 
von einem schmerzhaften Leiden befallen, infolgedessen 
ich neun Tage lang ununterbrochen die ärgste Qual zu er* 
dulden hatte. Dadurch kam ich so von Kräften, daß ich wie 
ein Gelähmter dalag. Am neunten Tage, als ich die uner* 
träglichsten Schmerzen ausstand, mußte ich an meine Her* 
rin denken. Einige Zeit lang weilten meine Gedanken bei 
ihr und kamen dann auf mein hinfälliges Leben zurück; 
und als ich betrachtete, wie flüchtig dessen Dauer sei, auch 
dann, wenn ich gesund wäre, da begann ich ob all des 
Elendes vor mich hin zu weinen. Mit einem tiefen Seufzer 
sagte ich dann bei mir selbst: »Es ist unabwendbar, daß 
auch die holdeste Beatrice einmal stirbt.« Darüber kam ich 
so außer Fassung, daß ich die Augen schloß und, mich wie 
ein Wahnsinniger abmarternd, wirren Vorstellungen, wie 
die folgenden Raum gab. Zuerst, als meine Phantasie in 
die Irre zu schweifen begann, erschienen mir mehrere 
Frauengesichter mit zerzaustem Haar, die mir zuriefen: 
»Auch du wirst sterben!« Nach diesen kamen andere Ge* 
sichter, abstoßend und grauenhaft anzusehen, die sagten 
zu mir: »Du bist gestorben.« So fing meine Einbildungs* 
kraft an herumzuirren, bis ich nicht mehr wußte, wo ich 
war. Ich meinte, weinende Frauen mit aufgelösten Haaren 

4 Dante 49 



des Weges ziehen zu sehen, unsagbar traurig. Dann sah 
ich, wie die Sonne sich verfinsterte und die Sterne sich 
zeigten, aber in einer Färbung, die mich glauben ließ, sie 
weinten; und mir schien es, die Vögel fielen im Flug tot 
aus der Luft herab und es seien furchtbare Erdbeben. Und 
während solche Phantasien mich mit Staunen und mit 
Grauen erfüllten, bildete ich mir ein, es käme ein Freund 
auf mich zu und sagte : »Weißt du's denn nicht? Deine 
wunderbare Herrin ist aus dem Leben geschieden.« 

Da begann ich gar bitterlich zu weinen, aber nicht in der 
Einbildung, sondern meine Augen vergossen wirkliche 
Tränen. Ich stellte mir vor, ich schaute gen Himmel und 
sähe eine Schar von Engeln, die nach oben zurückkehrten, 
und ihnen voran schwebte ein schneeweißes Wölkchen. Die 
Engel sangen Jubelweisen, und ich glaubte die Worte ihres 
Gesanges zu hören : »Osanna in excelsis« ; mehr konnte ich 
nicht verstehen. Und da meinte ich, das Herz, in dem so 
viel Liebe wohnt, sagen zu hören: »Es ist wahr, daß 
unsere Herrin tot daliegt.« Da war mir, als ginge ich, den 
Leib zu sehen, in dem jene adeligste und hochbegnadete 
Seele gewohnt hatte; und die irrende Phantasie war so 
mächtig, daß sie mir meine tote Herrin zeigte. Frauen 
schienen ihr das Haupt mit einem weißen Schleier zu ver* 
hüllen, und ein solcher Ausdruck von Sanftmut lag auf 
ihrem Gesichte, daß es zu sagen schien: »Nun schaue ich 
den Urquell des Friedens.« Während dieser Vortäuschung 
fühlte ich mich so niedergeschlagen von ihrem Anblick, 
daß ich nach dem Tode verlangte und sprach: »Süßester 
Tod, komme zu mir, sei nicht hartherzig; du mußt ja freund? 
lieh gesinnt sein, da du an solcher Stätte geweilt. O komm 
zu mir, der ich so sehr nach dir verlange; du siehst ja, schon 
trage ich deine Farbe.« Und als ich zugeschaut hatte, wie 

50 



man alle die Trauerfeierlichkeiten beging, wie es bei Toten 
üblich ist, da war mir, als kehrte ich heim in mein Gemach 
und schaute gen Himmel. So lebendig war diese Vorstellung, 
daß ich weinend anfing, mit vernehmlicher Stimme zu sagen: 
»O herrlichste Seele, wie glücklich ist, wer dich schaut!« 

Als ich diese Worte unter schmerzlichem Stöhnen aus* 
sprach, da glaubte ein liebes junges Mädchen, das an mei* 
nem Bette saß, mein Schluchzen und Reden käme von dem 
Schmerz meiner Krankheit, und fing voller Angst zu weinen 
an. Durch ihr Weinen wurden andere Frauen, die dort im 
Zimmer waren, darauf aufmerksam, daß ich weinte. Sie ver* 
anlaßten das Mädchen, das durch die engsten Bande des 
Blutes mit mir verwandt war, hinauszugehen, kamen, weil 
sie meinten ich träumte zu mir, um mich aufzuwecken, 
und sagten : »Schlafe nicht mehr« und »beruhige dich«. Als 
sie mich so anredeten, hörte das Phantasieren gerade in dem 
Augenblick auf, als ich sagen wollte : O Beatrice, gesegnet 
seiest dui Und schon hatte ich gesagt: »O Beatrice«, als ich 
zusammenfahrend die Augen aufschlug und begriff, daß 
alles nur ein Wahn gewesen. Wohl hatte ich jenen Namen 
ausgesprochen, doch war meine Stimme von Schluchzen 
und Weinen so gebrochen, daß mich die Frauen wohl kaum 
verstehen konnten. Obgleich ich mich sehr schämte, wandte 
ich mich doch, wie mich die Liebe mahnte, ihnen zu. Als 
sie mich anschauten, flüsterten sie : »Er sieht aus wie der 
Tod«, auch: »Versuchen wir ihn aufzuheitern«. Manches 
Trosteswort sagten sie mir alsdann und fragten, worüber 
ich mich so geängstigt habe. Worauf ich, nachdem ich 
mich etwas beruhigt und die täuschende Einbildung erkannt 
hatte, ihnen antwortete : »Ich will euch sagen, was mir War.« 
Und nun erzählte ich ihnen von Anfang bis zu Ende, was 
ich gesehen hatte; den Namen tler Holdesten verschwieg 

** 51 



ich aber. — Später, als ich von meiner Krankheit genesen 
war, beschloß ich, ein Gedicht über das, was ich erlebt 
hatte, zu machen, denn mir schien, es werde sich anhören 
wie eine Liebesgeschichte. So dichtete ich darüber die fol* 
gende Kanzone: 

Ein Mägdlein, teilnahmvoll und jung an Jahren, 
geschmückt mit allem, was den Menschen ziert, 
war dort, wo oft ich nach dem Tode rief. 
Als sie den Jammer sah in meinen Augen 
und meine sinnverwirrten Worte hörte, 
da fing vor Angst sie laut zu weinen an. 
Und andre Frau'n — die aufmerksam geworden 
auf mich, als sie das Weinen jener hörten — 

sie wegzugehen baten. 
Drauf traten sie zu mir, mich aufzuwecken. 

»Nicht schlafen,« sprach die eine; 
die andre sprach : »Was ängstigst du dich so ?« 
Da gab ich auf das wilde Phantasieren, 
indem ich rief den Namen meiner Herrin. 

So voller Jammer meine Stimme war, 

von kummervollem Schluchzen so gebrochen, 

daß ich allein den Namen hört' im Herzen. 

Doch mit dem ganzen Ausdruck der Beschämung, 

den meine Miene zeigte, kehrte ich 

mich auf den Rat der Liebe zu den Frauen. 

So bleich war meine Farbe anzusehn, 

daß sie mich nah* dem Tod wohl glauben mochten. 

»Wohlan, laßt uns ihm helfen,« 
bat eine Frau die andre heimlich leise, 

und oft hört' ich sie fragen : 
»Was hast du nur, daß du so mutlos bist?« 

52 



Als ich ein wenig mich gesammelt hatte, 
da sprach ich : »Liebe Frau'n, ich will's euch sagen : 
Als ich an mein hinfällig Leben dachte 
und sah, wie flüchtig es enteilt, da weinte 
die Liebe, die im Herzen wohnt, um mich. 
Davon ward meine Seele so ergriffen, 
daß in Gedanken ich mit Seufzen sagte : 
»Auch meine Herrin wird wohl sterben müssen.« 
Da faßte mich Verzweiflung so gewaltsam, 
daß ich die todesmüden Augen schloß 

und alle meine Geister ' 
sich fassungslos verloren in die Irre. 

Und nun in meinem Fiebern, 
fern von Bewußtsein und von Wirklichkeit, 
erschienen mir verzerrte Weibsgesichter 
die immerfort mich anschrien: »Stirb doch, stirb doch!« 
Dann sah ich viele grauenhafte Dinge, 
Gebilde eines Wahns, dem ich verfallen. 
Ich meint'— wo weiß ich nicht — zu sein und sah dort 
umherziehn Frauen mit zerrauften Haaren, 
die eine weinend und die andre jammernd, 
aus denen heiß die Glut der Trauer strahlte. 
Dann deuchte mir, ich sähe mählich, mählich 
die Sonn' erbleichen und den Mond erscheinen 

und alle beide weinen. 
Die Vögel fielen aus den Lüften tot 

herab ; die Erde bebte ; 
und da erschien, erschöpft und blaß, ein Mann mir, 
der sprach: »Was tust du? Ward dir schon die Kunde? 
Die Herrin dein ist tot, sie, die so schön war.« 
Die tränenfeuchten Augen schlug ich auf 
und sah, vergleichbar einem Mannaregen, 

53 



der Engel Schar hinauf zum Himmel schweben ; 

ein weißes Wölkchen zog vor ihnen her , 

und alle folgten mit dem Ruf »Osanna!« 

Mehr hört' ich nicht, sonst würde ich's euch sagen. 

Dann sprach die Liebe: »Nicht verhehl' ich's länger, — 

so komm und sieh den Leichnam unsrer Fraue.« 

Mich bracht' der irre Wahn 
dahin, daß ich Madonna sah als Leiche. 

Lang schaute ich sie an, 
bis Frau'n mit einem Schleier sie verhüllten. 
Ergebung sprach so echt aus ihren Zügen, 
daß sie zu sagen schien: »Ich bin im Frieden.« 
Ich fühlt' mich so bedrückt in meinem Leide, 
als ich dies Bild des Seelenfriedens schaute, 
daß ich mir dachte: »Tod, wie bist du süß mir; 
du mußt hinfort mir etwas Liebes sein, 
weil du in meine Herrin eingekehrt; 
du mußt erbarmend sein, nicht ab dich wenden ; 
sieh, zu dir komm' ich, daß der deinen 
ich einer werde und dir treulich gleiche ; 

drum komm, mein Herz begehrt dich.« 
Drauf ging ich fort, all meiner Trauer ledig, 

und sprach, als ich allein war, 
zum Reich da droben meinen Blick erhebend : 
»O glücklich, schöne Seele, wer dich schaut!« — 
Da wecktet ihr mich auf, — ich sag' euch Dank! 

Diese Kanzone hat zwei Teile: Im ersten sage ich, eine unbe= 
stimmte Person anredend, wie ich von einigen Frauen aus 
einer wirren Phantasievorstellung befreit wurde, und wie ich 
ihnen versprach, dieselbe zu erzählen. Im zweiten sage ich, 
wie ich sie ihnen erzählte. Der zweite Teil fängt da an: »Als 

54 



ich an mein«. — Der erste Teil zerfällt in zwei; im ersten 
sage ich, was jene Frauen und was eine von ihnen während 
meiner Einbildung — also bevor ich wieder zum klaren Be= 
wußtsein kam — sprachen und taten; im zweiten erzähle ich, 
was die Frauen zu mir sagten, als ich von diesen Phantasien 
frei wurde; dieser Teil fängt an: »So voller Jammer«. Dann, 
wo ich sage: »Als ich an mein hinfällig Leben dachte,« be= 
richte ich, wie ich ihnen meine Einbildungen erzählte, und da 
mache ich zwei Teile: Im ersten schildere ich der Reihe nach 
diese Wahnbilder; im zweiten sage ich, wann sie mich riefen, 
und danke ihnen am Schluß; dieser Teil beginnt: »Da wecktet 
ihr mich auf«. 

24 

Nach dieser Wahnvorstellung saß ich eines Tages in Ge* 
danken da, und da spürte ich, wie im Herzen ein Leben 
anhob, gerade so, als befände ich mich in der Gegenwart 
dieser Dame. Da ward mir, als sähe ich Amor bildhaft vor 
mir, von dort kommend, wo meine Herrin weilte, und als 
spräche er fröhlich in meinem Herzen : »Gedenke, den Tag 
zu segnen, an dem ich (die Liebe) dich ergriffen, denn das 
kommt dir zu.« Und fürwahr, mein Herz schien so froh, 
daß es mir gar nicht wie mein Herz vorkam, so neu war 
mir seine Stimmung. Gleich nachdem mir mein Herz jene 
Worte in der Sprache der Liebe gesagt, sah ich eine holde 
Dame von vielgepriesener Schönheit auf mich zukommen, 
die ehedem die Angebetete meines ersten Freundes gewesen 
war. Der Name dieser Dame war Giovanna, doch wurde 
ihr — wegen ihrer Schönheit, wie manche glauben — der 
Beiname Primavera (Frühling) gegeben, und sie wurde 
auch so genannt. Und nach ihr sah ich, als ich hinschaute, 
die wunderbare Beatrice kommen. Diese zwei Frauen kamen 

55 



so — eine nach der anderen — in meine Nähe, und es war 
mir, als spräche die Liebe in meinem Herzen und sagte: 
»Diese Erste wird nur wegen ihres heutigen Kommens Prima* 
vera genannt, denn ich veranlaßte den Geber des Namens, 
sie Primavera zu nennen, das will sagen: prima verrà (sie 
wird als erste kommen), an dem Tage, wo Beatrice sich 
zeigen wird, wenn der Wahn ihres Getreuen vorüber ist. 
Und wenn du auch ihren ersten Namen betrachten willst, 
der besagt das nämliche wie prima verrà, denn ihr Name 
kommt her von Giovanni (Johannes), der dem wahren 
Lichte vorausging und sprach : Ego vox clamantis in deserto, 
parate viam Domini (Ich bin die Stimme des Rufenden in 
der Wüste; bereitet den Weg des Herrn). Und alsdann 
schien Amor noch folgende Worte zu sagen: »Wer recht 
genau erwägen wollte, der müßte jene Beatrice »Liebe« 
nennen, wegen der vielen Ähnlichkeit, die sie mit mir 
hat.« — 

Als ich wiederholt darüber nachsann, nahm ich mir vor, 
meinem besten Freunde darüber in Versen zu schreiben, 
aber gewisse Worte für mich zu behalten, weil ich glaubte, 
sein Herz schaue noch immer nach der Schönheit dieser 
holden Primavera. Und ich dichtete dieses Sonett: 

Ich fühlte, wie im Herzensgrund erwachte 
ein Geist der Liebe, der dort schlummerte ; 
dann sah ich Amor aus der Ferne kommen, 
so frohgemut, daß ich ihn kaum erkannte. 

Er sprach: »Gedenk* nun Ehre mir zu machen,« 
und jedes seiner Worte lachte fröhlich. 
Noch stand nicht lange bei mir mein Gebieter, 
da sah ich auf dem Weg, den er gekommen, 

sich Monna Vanna nahn und Monna Bice 

56 



und zu dem Orte schreiten, wo ich weilte, 
das eine Liebeswunder nach dem andern. 
Und wie mir mein Gedächtnis wiederholt, 

sprach Amor zu mir : »Diese ist mein Frühling, 
und jene, die so ähnlich mir, heißt Liebe.« 

Dieses Sonett hat viele Teile, deren erster sagt, wie ich das 
gewohnte Leben im Herzen verspürte, und wie Amor mir 
fröhlich von ferne her erschien. Der zweite Teil sagt, wie Amor 
in meinem Herzen sprach und wie beschaffen er erschien. 
Der dritte Teil sagt, wie ich, als er kurz bei mir verweilte, ge- 
wisse Dinge sah und hörte. Der zweite Teil fängt an: »Er 
sprach, gedenke nun«; der dritte da: »Noch stand nicht lange 
bei mir«. Der dritte Teil zerfällt in zwei Abteilungen; in der 
ersten sage ich, was ich sah; in der zweiten sage ich, was ich 
hörte; dieser fängt an: »sprach Amor zu mir«. 



25 



Es könnte hier jemand, der verdiente, daß ihm jeder Zweifel 
genommen werde, darob Bedenken tragen, daß ich von 
der Liebe rede, als ob sie ein Ding für sich und nicht nur 
ein geistiges, sondern auch ein körperliches Wesen sei. Das 
wäre auch streng genommen falsch, denn Liebe ist nicht 
an sich eine Substanz, sondern ist Akzidenz einer Substanz. 
Daß ich von ihr rede als von etwas Körperlichem und 
noch dazu, als wenn sie ein Mensch wäre, erhellt aus drei 
Dingen, die ich von ihr aussage. Ich sage, daß ich sie kom* 
men sah. Da nun aber Kommen eine körperliche Bewegung 
bezeichnet, und nach dem Ausspruch des Philosophen nur 
ein Körper örtlich beweglich ist, so hat es den Anschein, 
ich nähme an, die Liebe sei ein Körper. Ich sage ferner von 

57 



ihr, daß sie lachte und daß sie redete, was beides doch nur 
dem Menschen eigentümliche Dinge sind, besonders das 
Lachen. Daraus geht hervor, daß ich sie für ein mensch* 
liches Wesen zu halten scheine. — Um dies, soweit es hier 
einen Zweck hat, zu erklären, ist zunächst darauf hinzu* 
weisen, daß es in alter Zeit keine Minnedichtung in der 
Volkssprache gab, sondern daß die Poeten, welche die Liebe 
besangen, in lateinischer Sprache dichteten. Bei uns also 
[obwohl es auch bei anderen Völkern geschehen sein oder 
noch geschehen mag, wie in Griechenland] wurden solche 
Stoffe nicht von Volksdichtern, sondern von gelehrten 
Poeten behandelt. Es ist noch nicht gar so lange her, daß 
zum erstenmal Volksdichter auftraten. [In der Volkssprache 
»reimen« heißt ja ebensoviel, wie nach einem gewissen Vers* 
maß in Latein »dichten«.] Wie kurze Zeit es her ist, zeigt 
der Umstand, daß, wenn wir in der Sprache des »oc« und in 
der Sprache des »si« nachforschen 2 , wir nicht Gereimtes fin* 
den, was vor mehr als hundertundfünfzig Jahren gedichtet 
worden ist. Der Grund, warum einige Stümper in den Ruf 
kamen, Dichter zu sein, ist einzig der, daß sie ziemlich die 
ersten waren, die italienisch dichteten. Der erste, der in der 
Volkssprache dichtete, wurde dazu veranlaßt, weil sein Ge* 
dicht einer Frau verständlich sein sollte, die schwerlich la* 
teinische Verse verstanden hätte. Und das seijenen gesagt, 
die andere als Liebesstoffe reimweise behandeln, denn das 
Dichten in Reimen ist von Haus aus für Minnesachen er* 
dacht. 

Da nun einmal den Poeten größere Sprachfreiheit einge* 
räumt wird als den Prosaikern, so ist es recht und billig, 
daß auch den Reimern, die ja Poeten des Volkes sind, eine 
größere Freiheit im Ausdruck zugestanden werde, als den 
übrigen Schriftstellern, die (Prosa) in der Volkssprache 

58 



schreiben. Jede rhetorische Figur oder Ausschmückung, 
die den Poeten erlaubt ist, ist also auch den Reimern zu ge* 
statten. Nun wissen wir aber, daß die Poeten von leblosen 
Dingen gesprochen haben, als ob sie Sinn und Vernunft 
hätten, und daß sie nicht nur wirkliche, sondern auch un* 
wirkliche Dinge miteinander reden ließen [denn sie lassen 
Dinge, welche gar nicht sind, reden, und lassen viele Akzu 
derizien sprechen, als wenn es Menschen oder Substanzen 
wären]. Es ist also dem Reimdichter erlaubt, das Gleiche 
zu tun, aber nicht nach bloßer Willkür, sondern in vernünf* 
tigen Gedanken, welche er dann auch in Prosa erklären 
kann. Daß die Poeten wirklich in der oben erwähnten Weise 
gesprochen haben, sehen wir an Virgil, der Juno, eine den 
Trojanern feindlich gesinnte Göttin, zu Aeolus, dem Herrn 
der Winde, im ersten Buch der Aeneide sagen läßt: Aeole, 
namque tibi, worauf dieser Herrscher ihr ebenda antwortet: 
Tuus, o regina quid optes explorare labor; mihijussa capes* 
sere fas est. Bei dem nämlichen Dichter spricht die leblose 
Sache zur belebten, im dritten Buch der Aeneide : Darda* 
nidae duri. Bei Lucan spricht das Belebte zum Unbelebten : 
Multum, Roma, tarnen debes civilibus armis. Bei Horaz 
spricht der Mensch zu seiner eigenen Wissenschaft wie zu 
einer zweiten Person. [Das sind aber eigentlich nicht Worte 
des Horaz, sondern des guten Homer, dessen Wortlaut er^ 
wiederholt], wenn er in seiner Poetik sagt: Die mihi, musa, 
virum. Bei Ovid spricht die Liebe wie eh> menschliches 
Wesen, am Anfang seines Buches »Von den Mitteln gegen 
die Liebe« : Bella mihi, video, bella parantur alt: 

Alles das mag demjenigen zur Erklärung dienen, der 
bei einer oder der anderen Stelle meines Büchleins im Zwei* 
fei ist. Damit aber kein Stümper hieraus Anlaß zu irgend* 
welcher Dreistigkeit nehme, so bemerke ich, daß weder die 

59 



Poeten ohne Grund so sprechen, noch daß die Reimenden 
so sprechen dürfen, ohne von dem, was sie sagen, ein rieh* 
tiges Verständnis zu haben. Denn es wäre eine arge Schande 
für jeden, der unter dem Gewände bildlicher oder schmük* 
kender Redeweise reimt, wenn er, befragt, nicht imstande 
wäre, seine Worte dieser Hülle zu entkleiden, so daß ein 
wirklicher Sinn zum Vorschein käme. — Mein bester Freund 
und ich, wir könnten von gar manchen erzählen, die so 
töricht reimen. 

26 

Jene holdeste Frau, von der in den vorhergegangenen 
Worten die Rede gewesen, wurde bald von jedermann so 
hochgeschätzt, daß, wenn sie über die Straße ging, die 
Leute herbeiliefen, um sie zu sehen, und dies erfüllte mich 
mit wunderbarer Freude. Wem sie nahte, dessen Herz 
wurde von solcher Ehrerbietung durchdrungen, daß ei 
kaum wagte, die Augen aufzuschlagen oder ihren Gruß zu 
erwidern. Zweiflern gegenüber könnten mir das gar viele 
bestätigen, die solches an sich selbst erfahren haben. Ge* 
krönt und bekleidet mit Demut, wandelte sie dahin und 
zeigte keinen Stolz über das, was sie sah und hörte. Und 
war sie vorübergegangen, so sagte mancher: »Das ist kein 
irdisches Weib, sondern einer der schönsten Engel des 
Himmels.« Andre sagten: »Sie ist ein Wunder; gepriesen 
sei der Herr, der so Wunderbares zu schaffen vermag.« Ich 
sage, so hold zeigte sie sich, so voll jeglicher Anmut, daß 
auf alle, die sie sahen, eine unsagbar reine und milde Bese* 
ligung überging; keiner konnte sie ansehen, der nicht so* 
gleich hätte seufzen mögen. Solche und noch wunderbarere 
Wirkungen gingen machtvoll von ihr aus. — Darüber nächst 
sinnend, beschloß ich, in der Absicht, den Griffel zu ihrem 

60 



Lobe von neuem aufzunehmen, ein Gedicht zu verfassen, 
in welchem ihre wunderbaren und außerordentlichen Wir* 
kungen zum Ausdruck kommen sollten, damit nicht nur 
jene, die ihres Anblicks teilhaft werden konnten, sondern 
auch andere soviel von ihr erführen, als sich mit Worten 
sagen läßt. Darauf dichtete ich das folgende Sonett : 

So edler Art erzeigt sich meine Fraue, 
so hehrer Sitte, wenn sie andre grüßt, 
daß zitternd jede Zunge muß verstummen, 

jed' Auge zagen, nach ihr hinzublicken. 

Hört sie ihr Lob, so geht sie still vorüber 
gar minnelich im Kleide ihrer Demut. 
Sie scheint ein Wesen, das hinab vom Himmel 
zur Erde kam, ein Wunder ihr zu zeigen. 

Sie sendet liebreich jedem, der sie schaut, 
durchs Aug' ins Herze eine Wonne, 
von der nur weiß, wer selber sie empfunden. 

Von ihren Zügen scheinet zu entschweben 
ein sanfter Geisteshauch, erfüllt von Liebe, 
der zu der Seele zieht und flüstert : »Schmachte !« 

Dieses Sonett ist, nach dem, was zuvor erzählt wurde, so leicht 
zu verstehen, daß es keiner Einteilung bedarf. 

So sehr gewann meine Herrin die Verehrung aller, daß 
nicht nur sie geehrt und gepriesen wurde, sondern um ihrer* 
willen auch viele andre Frauen. Weil ich dies sah und es 
gern anderen, die es nicht wahrgenommen, kundtun wollte, 
so beschloß ich, noch ein Gedicht zu verfassen, welches da* 
von berichten sollte. So schrieb ich dieses zweite Sonett, 
welches erzählt, wie ihre Tugend auf andere wirkte. 

61 



Vollkommner Weise schauet alles Heü\ 

wer meine Herrin sieht im Kreis der Frauen, 
die, mit ihr gehend, sich verpflichtet fühlen, 
Gott Dank zu sagen für so holde Gunst. 

Doch ihre Schönheit übet solchen Zauber, 
daß andern Frau'n sie keinen Neid erregt; 
vielmehr bewirkt sie, daß sie mit ihr gehn, 
im Kleid der Huld, der Liebe und des Glaubens. 

Ihr Blick macht schlicht bescheiden alle Wesen 
und laßt nicht nur sie selbst so hold erscheinen; 
nein, jede Frau gewinnt durch ihn an Ehre. 

In ihrem ganzen Wesen zeigt sie sich so liebreich, 
daß niemand ihrer sich erinnern kann, 
der nicht in Liebeswonne müßte schmachten. 

Dieses Sonett hat drei Teile. Im ersten sage ich, unter wel= 
chen Leuten diese Frau am bewundernswertesten erschien; 
im zweiten, wie wohltuend ihr Umgang war; im dritten spreche 
ich von dem, was sie machtvoll in anderen bewirkte. Der 
zweite leil fängt an: »Die mit ihr gehend«; der dritte: »Doch 
ihre Schönheit«. Dieser dritte Teil zerfällt in drei: im ersten 
sage ich, was sie bei den Frauen für diese selbst bewirkte; im 
zweiten, was sie an ihnen für andere bewirkte; im dritten, wie 
sie nicht nur bei den Frauen, sondern bei allen Menschen, 
und nicht nur durch ihre Gegenwart, sondern auch durch die 
Erinnerung wunderbar wirkte. Dieser zweite Teil beginnt 
»Ihr Blick«; der dritte: »In ihrem ganzen Wesen«. 



27 



Als ich einmal über alles nachdachte, was ich von mei* 
ner Herrin in den beiden vorhergehenden Sonetten gesagt 

62 



hatte, da fand ich, daß ich noch garnichts von dem gesagt 
hatte, was diese Frau damals in mir selbst bewirkte. Das 
hielt ich für einen Mangel und nahm mir vor, in einem Ges 
dichte auszusprechen, wie ich mich für ihren Einfluß emp* 
fänglich glaubte und wie ihre Kraft auf mich einwirkte. Da 
ich aber meinte, dies alles nicht in der Kürze eines Sonettes 
ausdrücken zu können, so begann ich eine Kanzone, die 
also lautet: 

So lang schon hält die Liebe mich gefangen 
und hat an ihre Herrschaft mich gewöhnt, 
daß sie, die einstens strenge mir erschienen, 
nun freundlich mild in meinem Herzen wohnt. 
Doch wenn sie so mich meiner Kraft beraubt, 
daß alle Lebensgeister zu entfliehen scheinen, 
dann fühlet meine überwundne Seele 
soviel der Wonne, daß erblaßt mein Antlitz. 
Es übermannt mich so die Kraft der Liebe, 
daß sie mich Seufzerworte läßt entsenden, 

die hin zu meiner Fraue ziehn 
und zu ihr flehn, daß mehr des Heils sie spende. 
Dies widerfährt mir, wo ihr Blick mich trifft; 
ein Ding, so eigen, daß man's kaum kann glauben. 

28 

Quomodo sedet sola civitas piena populo; facta est vidua 
domina gentium (Wie liegt so vereinsamt die Stadt, die 
voll Volkes war; wie eine Witwe ist geworden die Fürstin 
der Völker). Noch war ich mit dieser Kanzone beschäftigt, 
von der ich erst die oben stehende Strophe vollendet hatte, 
als der Herr der Gerechtigkeit diese Holdeste berief, daß 

63 



sie lobsinge unter dem Banner der benedeiten Königin, 
Jungfrau Maria, deren Namen die selige Beatrice stets mit der 
tiefsten Verehrung ausgesprochen hatte. Wenn es auch viel* 
leicht angemessen wäre, hier einiges über ihren Abschied von 
uns zu sagen, so liegt es doch nicht in meiner Absicht, davon 
zu reden, und zwar aus drei Gründen. Der erste ist, daß 
es nicht zu dem gegebenen Thema gehört, wie aus der Vors 
rede zu diesem Büchlein erhellt. Der zweite ist, daß, wenn 
es auch mit meinem Thema vereinbar wäre, doch meine 
Sprache nicht vermögend wäre, so davon zu berichten, wie 
es sich gehören würde. Der dritte Grund ist folgender : 
Gesetzt auch, das eine wie das andere wäre der Fall, so 
würde es mir doch nicht ziemen, darüber zu berichten, und 
zwar deshalb, weil ich alsdann zu meinem eigenen Lobi« 
redner werden müßte. Solches ist aber an jedermann zu 
tadeln, und darum überlasse ich diese Aufgabe einem 
anderen Berichterstatter. 

Weil aber die Zahl Neun im Vorhergehenden so häufig 
genannt wurde, daß es den Anschein hat, dies sei nicht 
ohne Grund geschehen, dann auch, weil diese Zahl bei 
ihrem Hinscheiden wiederum von großer Bedeutung ge* 
wesen zu sein scheint, so ist es wohl am Platze, etwas dar* 
über hier einzuflechten, zumal es sich mit meinem Vor* 
haben verträgt. Ich werde also zuerst mitteilen, wie sich 
diese Zahl bei ihrem Heimgange zeigte, und dann einige 
Gründe anführen, warum diese Zahl ihr so freund war. 



29 



Ich berichte also, daß ihre hochedle Seele nach arabischer 
Zeitrechnung in der ersten Stunde des neunten Monats? 
tages von uns schied; und nach der syrischen Zeitrech* 

64 



nung schied sie im neunten Monat; denn der erste Monat 
Tischrin entspricht unserem Oktober. Und nach unserer 
Zählung ging sie dahin in dem Jahre des Herrn, in welchem 
die vollkommene Zahl neunmal in dem Jahrhundert voll 
wurde, in welchem sie in diese Welt gesandt worden: im 
dreizehnten Jahrhundert, zu dessen Christen sie gehörte. 
Dafür, daß ihr diese Zahl so nahe stand, könnte folgendes 
der Grund sein : Da nach Ftolemäus und nach christlicher 
Lehre neun bewegliche Himmel sind, die nach allgemeiner 
astrologischer Ansicht, gemäß ihrer Stellung zueinander, 
auf unsere Erde ihren Einfluß ausüben, so wird damit, daß 
ihr diese Zahl so verwandt war, zu verstehen gegeben, daß 
bei ihrer Geburt alle neun beweglichen Himmel im voll* 
kommensten Verhältnisse zueinander standen. Dies ist der 
eine Grund. Wenn man aber tiefer und gemäß unträg* 
licher Wahrheit darüber nachdenkt, so war sie selbst diese 
Zahl; das sage ich gleichnisweise und verstehe esalso: Die 
Zahl drei ist die Wurzel der Neun, weil sie ohne eine andere 
Zahl, nur mit sich selbst multipliziert, neun gibt [wie klar 
ersichtlich, da dreimal drei neun ist]. Demnach, wenn Drei 
durch sich selbst Schöpfer der Neun ist und ebenso der 
durch sich selbst hervorbringende Schöpfer der Wunder 
Drei ist — nämlich Vater, Sohn und Hl. Geist, die drei und 
eins sind — so war diese Frau von der Zahl Neun begleitet, 
um zu verstehen zu geben, daß sie eine Neun war, d. i. ein 
Wunder, dessen Wurzel einzig und allein die wunderbare 
Dreieinigkeit ist. — Vielleicht würde eine scharfsinnige 
Person darin noch einen tieferen Grund entdecken, aber 
dieser ist es, den ich darin sehe und der mir am besten gefällt. 



5 Dante » 65 



3o 

Nachdem diese Frau aus der Welt geschieden war, blieb 
die ganze oben erwähnte Stadt wie verwitwet und aller 
Würde beraubt zurück. Und darum schrieb ich, noch wei* 
nend, in dieser verödeten Stadt an die Ersten des Landes 
über ihren Zustand und wählte als Anfang die Worte des 
Jeremias : Quomodo sedet sola. Ich erwähne dies, damit sich 
niemand wundere, daß ich diese Worte vorhin anführte, 
gleichsam als Einleitung zu dem neuen Stoff, der später 
folgt. Wollte mich aber jemand deswegen tadeln, weil ich 
hier nicht niederschreibe, was auf die angeführten Worte 
folgte, so diene zu meiner Rechtfertigung, daß es von An* 
fang an nicht meine Absicht war, anders als in der Volks? 
spräche zu schreiben; es würde also, da der auf das Ange* 
führte folgende Text lateinisch ist, meinem Vorsatze nicht 
entsprechen, wenn ich ihn hier niederschriebe. Die gleiche 
Ansicht hatte, wie ich weiß, auch mein bester Freund, für den 
ich dies schreibe, nämlich, daß ich ihm nur in der Volks* 
spräche schreiben solle. 

31 

Als meine Augen durch langes Weinen so müde ge* 
worden waren, daß sie zur Linderung meiner Trauer nichts 
mehr tun konnten, da versuchte ich, ihr in einigen klagen* 
den Worten Luft zu machen. Ich beschloß, eine Kanzone 
zu dichten, in der ich weinend von derjenigen spräche, um 
die solches Weh an meiner Seele zehrte, und begann dann 
die Kanzone mit dem Anfang: »Die Augen, trauernd ob 
des Herzens Jammer«. 

Damit diese Kanzone, wenn sie zu Ende ist, recht wie ver= 
lassen zurückzubleiben scheine, will ich sie einteilen, bevor 

66 



ich sie hinschreibe, und dieses Verfahren werde ich von nun 
an beibehalten. So bemerke ich denn, daß diese arme Kan* 
zone drei Teile hat Der erste Teil ist Einleitung; der zweite 
handelt von Ihr; im dritten spreche ich so leidvoll zu der 
Kanzone. Der zweite Teil beginnt: »Enteilt ist in den Hirn« 
mei«; der dritte : »Mein traurig Lied«. Der erste Teil zerfallt 
in drei Abteilungen; in der ersten sage ich, was mich antreibt 
zu dichten; in der zweiten, an wen ich mich wende; in der 
dritten, von wem ich reden will. Die zweite fängt an: »Und 
weil ich mich erinnre«; die dritte : »Doch nur mit Tränen«. 
Wenh+ch dann sage: »Enteilt ist in den Himmel Beatrice«, 
so spreche ich von ihr, und mache in bezug darauf zwei Teile: 
Zuerst gebe ich die Ursache an, warum sie uns entrissen 
wurde; und dann sage ich, wie man ihren Heimgang beweint; 
da : »So trennte sich«. Dieser zweite Teil zerfällt in drei: im 
ersten sage ich, wer sie nicht beweint; im zweiten, wersiebe= 
weint; und im dritten beschreibe ich meinen Zustand. Der 
zweite Teil beginnt da : »Doch traurig hegt«; der dritte da : 
» Von schwerem Seufzen«. Dann, wo ich sage: »Mein traurig 
Lied«, rede ich meine Kanzone an und bezeichne ihr die 
Frauen, zu denen sie gehen, und bei denen sie verweilen soll. 

Die Augen, trauernd ob des Herzens Jammer, 
erduldeten vom Weinen solche Schmerzen, 
daß nun ihr Zustand der der Ohnmacht ist. 
Will ich dem Kummer Ausgang jetzt verschaffen, 
der Schritt für Schritt dem Tod mich näher bringt, 
muß ich in Worten nun mein Weh ergießen. 
Und weil ich mich erinnre, daß ich früher 
von meiner Herrin, als sie noch am Leben, 
so gern mit euch, ihr lieben Frau'n gesprochen, 
will ich zu niemand reden, 

5* 67 



als zu dem edlen Herz, das Frauen eigen. 
Doch nur mit Tränen kann ich von ihr sagen, 
die allzu früh zum Paradiese einging 
und mir zurück in Trauer ließ die Liebe. 

Enteilt ist in den Himmel Beatrice, 

ins Reich, wo bei den Engeln Friede herrscht. 
Bei ihnen weilt nun, die euch Frau'n verlassen. 
Nicht hat der Frost sie uns, noch auch die Hitze 
entrissen, wie's bei andern wohl geschieht ; 
nur ihre große Sanftmut trägt die Schuld. 
Ihr selbstlos Wesen war gleich einem Lichtstrahl, 
der durch die Himmel drang mit solcher Macht, 
daß mit Bewund'rung es der Ew'ge sah, 

Ein liebevoll Verlangen 
veranlaßt' ihn, so großes Heil zu rufen 
und von hier unten zu sich zu bescheiden; 
denn er sah ein, daß dieses niedre Leben 
nicht würdig war solch eines hehren Wesens. 

So trennte sich von ihrer schönen Hülle 
die edle Seele, die so hochbegnadet, 
und weilt fortan verklärt an würd'ger Stätte. 
Wer ihrer kann gedenken ohne Zähren, 
der hat ein steinern Herz, so roh und niedrig, 
daß nie ein guter Geist drin Einzug hält. 
Kein schlecht Gemüt vermag sich aufzuschwingen 
so hoch, daß es von ihr ein Bild sich schüfe ; 
drum fühlt es sich auch nicht gerührt zu Tränen. 

Doch traurig hegt den Wunsch 
zu seufzen und im Weinen zu vergehn, 
und jeden Trost der Seele zu entziehen: 
wem der Gedanke einmal nur gezeigt, 
wie sie einst war, wie sie uns ward entrissen. 

Beklommen fühl' ich mich von schweren Seufzern, 

68 



wenn der Gedanke mir in trübem Sinnen 
zurückruft jene, die mir's Herz gebrochen. 
Und oftmals, wenn ich an den Tod dann denke, 
kommt mir nach ihm so inniges Verlangen, 
daß mir im Angesicht die Farbe wechselt. 
Und hält mich das Gedankenbild im Banne, 
dringt solche Qual auf mich von allen Seiten, 
daß ich im Schmerzgefühl zusammenzucke. 

Und dahin kommt's mit mir, 
daß ich aus Scheu der Menschen Nähe fliehe. 
Allein mit meinem Kummer ruf ich schluchzend 
dann Beatrice. »Bist du tot?« so frag' ich; 
und so gerufen, richtet sie mich auf. 

Des Kummers Träne und der Sehnsucht Seufzer 
zehrt mir am Herz, wo immer ich allein bin ; 
erbarmen müßt' es jeden, der es hörte. 
Und wie mein Leben war, seit meine Herrin 
ist fortgegangen in die andre Welt, 
vermöchte keine Zunge zu beschreiben. 
Und darum, liebe Frau'n, wenn ich auch wollte, 
ich könnte euch nicht sagen, wie mir ist. 
So sehr zermartert mich das bittre Leben, 

das allen Wert verlor, 
daß jeder, die erstorbnen Züge sehend, 
zu mir zu sagen scheint: »Dich geb' ich auf.« 
Doch meine Fraue sieht es, wie mir ist, 
und darum bau' ich noch auf ihre Huld. 

Mein traurig Lied, so gehe weinend denn 
und such' die Frauen und die Mägdlein auf, 

zu denen deine Schwestern 
nur frohe Botschaft einst zu bringen pflegten. 
Doch du, die meiner Schwermut Tochter bist, 
zieh' trostlos fort, bei ihnen zu verweilen. 

69 



32 

Bald nachdem jene Kanzone gedichtet war, kam jemand zu 
mir, der dem Grade der Freundschaft nach gleich auf 
meinen ersten Freund folgte, und dieser war mit der Ver* 
klärten durch Blutsverwandtschaft so enge verbunden, daß 
niemand ihr näher stehen konnte. Als er mit mir ins Ge* 
sprach gekommen war, bat er, ich möge ihm einige Verse 
auf den Tod einer Frau dichten. Dabei stellte er seine Worte 
so, daß es scheinen sollte, er spräche von einer anderen, 
die kürzlich gestorben war. Ich merkte aber recht wohl, daß 
er jene Gepriesene meinte, und versprach ihm, seine Bitte 
zu erfüllen. Ich dachte darüber nach und beschloß, ein So* 
nett zu machen, in welchem ich ein wenig klagen wollte, 
und solches meinem Freunde zu geben, so daß es scheine, 
ich habe es für ihn verfaßt. Darauf dichtete ich das Sonett 
»O kommt und wollet doch, ihr edlen Herzen«. 

Dieses Sonett hat zwei Teile: Im ersten bitte ich die Getreuen 
mich anzuhören. Im zweiten Teil, der anfängt »Die sich un* 
tröstlich«, erzähle ich von meinem leidvollen Zustande. 

O kommt und wollet doch, ihr edlen Herzen, 
Barmherzigkeit zu lieb die Seufzer hören, 
die alles Trostes bar von dannen ziehen, 
und ohne die ich müßt' vor Kummer sterben. 

Denn meine Augen sind so pflichtvergessen, 
Daß sie nicht noch viel öfter als ich's wünsche, 
um meine tote Herrin weinen wollen, 
und, sie beweinend, mir das Herz erleichtern. 

Ihr werdet hören, wie sie stetig rufen 

nach meiner lieben Herrin, die entschwunden 
in eine Welt, die würdig ihrer Tugend, 

70 



und wie gering sie dieses Leben achten 
im Namen einer tief betrübten Seele, 
die sich verlassen sieht von ihrem Heil. 

33 

Als ich nach Vollendung dieses Sonettes bedachte, wem ich 
es, als für ihn verfaßt, übergeben wollte, da kam es mir vor, 
als sei es eine zu ärmliche und geringe Gabe für jemanden, 
der dieser Verklärten so nahe verwandt war. Und darum 
dichtete ich, ehe ich ihm das vorstehende Sonett übergab, 
noch zwei Stanzen einer Kanzone, die eine wirklich für ihn 
bestimmt, die andere für mich, obgleich jemand, der nicht 
genauer hinschaut, meinen könnte, beide seien für eine 
einzige Person verfaßt. Wer sie aber genau betrachtet, kann 
leicht sehen, daß verschiedene Personen reden, weil die eine 
jene Frau nicht ihre Herrin nennt, wohl aber die andere , 
was deutlich zu erkennen ist. Diese Kanzone und das So* 
nett übergab ich ihm und sagte, ich hätte beides für ihn allein 
gemacht. 

Die Kanzone fangt an: »So oft ich, ach«, und hat zwei Teile. 
In dem einen, in der ersten Stanze nämlich, wehklagt mein 
lieber Freund, ihr Verwandter; im zweiten klage ich, in der 
zweiten Stanze nämlich, welche beginnt: »Es mischt sich so«. 
Man sieht also, daß in dieser Kanzone zwei Personen klagen, 
die eine als Bruder, die andere als Verehrer. 

So oft ich, ach! mir zum Bewußtsein bringe, 

daß ich nie wieder soll 
die Dame sehn, um die ich Trauer trage, 
dann häufet soviel Weh im Herzen 

das traurige Gedenken, 

71 



daß ich mir sage : »Seele mein, was hält dich 
zurück noch? Sieh, die Qual, die du mußt tragen 
in dieser, dir schon so verhaßten Welt, 
kann nur Gedanken voller Furcht mir wecken.« 

Dann ruf ich nach dem Tod, 
als einem milden, sanften Friedensbringer. 
»Komm zu mir,« sage ich mit aller Sehnsucht, 
denn jeden, der da stirbt, muß ich beneiden. 

Es mischt sich so in jeden Seufzerhauch 

ein kummervoller Ton, 
der immerfort verlanget nach dem Tode. 
Nach ihm nur zielen alle meine Wünsche, 

seitdem die Herrin mein 
von seiner Grausamkeit getroffen wurde. 
Denn ihrer Erdenschöne holde Wonne, 
seitdem sie unsrem Anblick sich entzog, 
ist eine hohe, geist'ge Schönheit worden, 

die durch den Himmel strahlt 
ein Licht der Liebe, das die Engel grüßt 
und ihren hehren leuchtenden Verstand 
in Staunen setzt; — so huldreich ist sie dorten. 

34 

An dem Tage, da das Jahr sich vollendete, in dem diese 
Frau unter die Bürger des ewigen Lebens aufgenommen 
worden war, saß ich in Erinnerung an sie und zeichnete einen 
Engel auf Holztäfelchen. Während ich so zeichnete und die 
Augen abwandte, sah ich Männer bei mir stehen, denen ich 
Ehrerbietung schuldete. Sie betrachteten, was ich arbeitete 
und hatten, wie ich später erfuhr, schon eine ganze Weile 

72 



dagestanden, ehe ich sie bemerkte. Ich erhob mich, grüßte 
sie und sprach : »Grade war jemand bei mir, und darum war 
ich so in Gedanken.« Als sie weggegangen waren, kehrte 
ich an meine Arbeit, das Zeichnen von Engelfiguren, zurück, 
und während dieser Beschäftigung kam ich auf den Ge« 
danken, ein Gedicht, gleichsam zum Jahresgedächtnis, zu 
verfassen und für jene Besucher zu schreiben. So dichtete 
ich dann das Sonett, welches anfängt : »In die Erinnerung 
war mir gekommen«. 

Dieses Sonett hat zwei Anfänge, und darum werde ich es 
nach dem einen und nach dem andern einteilen. Nach dem 
ersten Anfang hat das Sonett drei Teile. Im ersten sage ich, 
daß diese Frau bereits in meiner Erinnerung war; im zweiten, 
was mir Amor deshalb antat; im dritten spreche ich von den 
Wirkungen Amors. Der zweite Teil fängt an: »Amor, der 
sie«; der dritte: »Wehklagend schieden sie«. Dieser dritte 
Teil zerfällt wieder in zwei: im ersten sage ich, daß alle meine 
Seufzer redend hervorkamen; im zweiten, wie einige verschieb 
den von den andern redeten. Der zweite Teil beginnt: »Doch 
die im größten«. — Ebenso wird das Sonett nach dem zwei" 
ten Anfang eingeteilt, nur mit dem Unterschied, daß ich im 
ersten Teil sage, wann mir diese so in das Gedächtnis gekom* 
men war; das sage ich aber nicht im anderen. 

In die Erinnerung war mir gekommen 

die edle Fraue, die vom höchsten Herrscher 

ob ihres Wertes in den Demuthimmel 

erhoben wurde, wo Maria thront. 
In die Erinnerung war mir gekommen 

die holde Frau, um die die Liebe weint, 

73 



zur selben Zeit, da euch ihr Wert den Wunsch 
eingab, das, was ich machte, anzusehn. 

Amor, der sie in meiner Seele spürte, 
erwachte drob in dem gestörten Herzen, 
und zu den Seufzern sprach er: »Fort mit euch!« 
worauf sich alle tief betrübt entfernten. 

Wehklagend schieden sie aus meinem Innern, 
mit einem Klagelaut, der in mein Auge 
der Wehmut Tränen oft zurückruft. 

Doch die im größten Schmerz von dannen zogen, 
die sprachen : »O du edler Geist, ein Jahr 
ist's heute grad, daß du gen Himmel schwebtest.« 



35 



Einige Zeit darauf stand ich einmal — es war an einem Ort, 
der mir Erinnerungen an die vergangene Zeit erweckte — 
in tiefem Sinnen und so schmerzlichen Gedanken, daß der 
Ausdruck einer schrecklichen Verstörtheit mir auch äußer« 
lieh anzusehen war. Darum schaute ich, als ich mir meines 
Abmühens bewußt wurde, auf, um zu sehen, ob mich nicht 
jemand beobachtete. Da erblickte ich eine edle Dame, jung 
und sehr schön, die mich von ihrem Fenster aus, äugen« 
scheinlich mit soviel Mitleid, betrachtete, das alles Mitge* 
fühl in ihr vereint zu sein schien. Und weil Unglückliche, 
wenn sie sehen, daß jemand sie bemitleidet, gar leicht zu 
Tränen gerührt werden — gleichsam als ob sie Mitleid mit 
sich selber empfänden — so fühlte auch ich damals, daß 
meinen Augen die Tränen kommen wollten. Darum ent* 
zog ich mich, aus Furcht, meine Schwäche zu verraten, den 
Blicken der holden Dame, sagte aber bei mir selbst : »Es kann 
nicht anders sein, bei dieser teilnehmenden Dame muß die 

74 



vornehmste Liebe wohnen.« Und ich beschloß, ein Sonett 
zu verfassen, in welchem ich das Wort an sie richten und 
alles zusammenfassen wollte, wovon ich in diesem Bericht 
erzählt habe. 

Weil dieser Bericht deutlich genug ist, bedarf es keiner Ein^ 
teilung. 

Es sahen meine Augen, wieviel Mitleid 
aus eurem Angesichte damals sprach, 
als ihr Gebärd* und Haltung wahrgenommen, 
die mir im Schmerz wohl oftmals eigen sind. 

Da wurde ich gewahr, daß euer Denken 
bei meines Lebens düstrem Zustand weilte, 
und Furcht ergriff mein Herz, daß meine Augen 
Verräter meiner Schwäche werden könnten. 

Ich floh vor euren Blicken, als ich fühlte, 
daß Tränen dringen wollten aus dem Innern, 
das tief gerührt durch euer Schauen war. 

Da sagt' ich mir in der betrübten Seele : 
»In dieser Donna wohnt die gleiche Liebe, 
die mich in Tränen hinzuleben zwingt.« 

36 

Wo immer diese Dame mich sah, nahm ich an ihr den Aus* 
druck der Teilnahme und die bleiche Farbe — fast die der 
Liebe — wahr, so daß sie mich viele Male an meine hoch« 
edle Herrin erinnerte, deren Züge immer die gleiche Farbe 
trugen. Und gewiß, sehr oft, wenn ich weder weinen noch 
einen andern Ausweg für meinen Kummer finden konnte, 
ging ich diese mitfühlende Dame aufsuchen, die durch ihren 
Anblick meinen Augen Tränen zu entlocken schien. So kam 

75 



mir denn auch der Wunsch, in einem Gedichte zu ihr zu 
reden, und ich verfaßte das Sonett, welches anfängt: »Der 
Liebe Farbe und des Mitleids Ausdruck«. 

Durch die vorhergehende Erläuterung ist dieses Sonett auch 
ohne Einteilung verständlich. 

Der Liebe Farbe und des Mitleids Ausdruck 
ergriffen nie so wunderbarerweise 
ein Frauenantlitz — wenn es lieber Augen 
gewahr ward oder schmerzerfüllter Klagen — 

wie sie alsbald das eurige ergreifen, 

wenn ihr vor euch mein trauernd Antlitz sehet. 

So kommt durch euch mir etwas in den Sinn, 

das mich befürchten läßt, mein Herz zerspringe. — 

Ich kann ja nicht den müden Augen wehren, 
daß immer wieder hin zu euch sie blicken, 
weil sie zu weinen solche Sehnsucht fühlen. 

Und ihr vermehrt noch derart ihr Verlangen, 
daß sie in ihrem Wunsch sich ganz verzehren. 
Doch wo ihr seid, — da können sie nicht weinen. 



37 



Der Anblick dieser Dame brachte mich dahin, daß meine 
Augen anfingen, allzuviel Gefallen an ihr zu finden, und 
ich war darüber viele Male bekümmert in meinem Herzen 
und hielt mich für einen rechten Schwächling. Ich ver* 
wünschte die Eitelkeit meiner Augen und sprach zu ihnen 
in Gedanken: »Sonst pflegtet ihr doch jeden, der euren 
Leidenszustand sah, zu Tränen zu rühren, und nun scheint 
ihr dies vergessen zu wollen wegen dieser Dame, die euch 
anschaut. Sie schaut aber doch nur deshalb nach euch, weil 

76 



sie sich um die verklärte Frau grämt, die ihr zu beweinen 
pflegt. Aber tut nur, was ihr mögt, ich werde euch noch oft 
genug an sie erinnern, ihr verwünschten Augen ! Niemals, 
außer nach dem Tod, hätten eure Tränen versiegen dürfen.« 
Und wenn ich so bei mir zu meinen Augen geredet hatte, 
dann bestürmten mich die heftigsten Seufzer und Ängste. 
Damit aber dieser innerliche Kampf nicht nur dem Bekla* 
genswerten, der ihn auskostete, bekannt bleibe, nahm ich 
mir vor, diesen unerträglichen Zustand in einem Sonett zu > 
schildern. Und so dichtete ich das Sonett mit dem Anfang : 
»Das bittre Weinen«. 

Es hat zwei Teile: Im ersten rede ich so zu meinen Augen, 
wie mein Herz in mir selbst sprach; im zweiten behebe ich 
einen Zweifel, indem ich offenbare, wer es ist, der so redet; 
und dieser Teil fangt an: »So spricht in mir«. Es ließen sich 
noch weitere Einteilungen daran vornehmen; allein sie wären 
überflüssig, weil es durch die vorhergegangene Erläuterung 
verständlich ist. 

Die bittren Tränen, die ihr, meine Augen, 
so lange Zeit hindurch vergossen habt, 
entlockten selbst den Augen andrer Menschen, 
wie ihr gesehen habt, des Mitleids Zähren. 

Ihr möchtet, dünkt mich, dieses nun vergessen, 
wenn ich nur meinerseits so treulos wäre, 
nicht jeden Grund dazu euch zu entziehen, 
erinnernd euch an die, um die ihr weintet. 

Bedenklich macht mich euer eitler Leichtsinn 

und schreckt mich so, daß ich den Vorwurf fürchte 
im Blicke einer Dame, die euch sieht. 

77 



Ihr solltet nie, es sei denn nach dem Tode, 
vergessen unsre heimgegangne Herrin. 
So spricht mein Herz, — dann muß es seufzen. 

38 

Der Anblick dieser Dame versetzte mich in einen so neuen 
Zustand, daß ich oft an sie dachte, wie an jemand, der mir 
allzusehr gefiele. Ich dachte so von ihr: »Sie ist eine lieb« 
liehe Dame, schön, jung und verständig ; vielleicht fügte es 
der Geist der Liebe, daß sie mir erschien, damit mein Leben 
Ruhe finde.« Oft dachte ich aber noch liebevoller an sie, 
derart, daß meinen Herz meinen Gedanken zustimmte. 
Und war diese Zustimmung erfolgt, dann mußte ich immer 
wieder, wie von der Vernunft angetrieben, nachdenken und 
sagte mir: »O Gotti was ist das für ein Gedanke, der mich 
so arglistig trösten will und mich fast an nichts anderes mehr 
denken läßt.« Dann stieg wieder ein anderer Gedanke auf 
und sagte zu mir: »Da du so viele Drangsale erlitten, war« 
um willst du dich nicht all der Bitternis entziehen? Du 
siehst doch, dies ist ein Liebeshauch, der uns Amors 
Wünsche zuträgt und von keiner holderen Seite ausgehen 
könnte als von den Augen dieser Dame, die uns soviel 
Teilnahme erwiesen hat.« — Oft hatte ich so mit mir ge* 
kämpft und wollte nun auch einige Worte darüber sagen; 
und weil in dem Widerstreit der Gedanken diejenigen Sie« 
ger blieben, welche für diese Dame gesprochen hatten, so 
hielt ich es für das Richtige, zu ihr zu sprechen. Und so 
dichtete ich das Sonett, welches anfängt: »Ein lieblicher 
Gedanke«; ich sage lieblich, insofern er von einer lieblichen 
Dame sprach; im übrigen aber war er recht erbärmlich. 
Ich mache in diesem Sonett aus mir zwei Parteien, wie ja 

78 



auch meine Gedanken zwiespältig waren; die eine Partei 
nenne ich Herz, d. h. Verlangen, die andere nenne ich Seele, 
d. h. Vernunft, und ich sage, wie die eine zu der anderen 
spricht. Daß es angemessen ist, das Verlangen Herz uncl 
die Vernunft Seele zu nennen, wird jenen ganz erklärlich 
sein, denen ich dies mitzuteilen wünsche. Wahr ist es, ich 
habe im vorhergehenden Sonett die Partei des Herzens 
gegen die der Augen ergriffen, was dem zu widersprechen 
scheint, was ich im folgenden Sonett sage ; darum bemerke 
ich, daß ich auch dort unter Herz das Verlangen verstehe; 
denn der Wunsch, meiner holdesten Herrin zu gedenken, war 
größer als der, jene anzusehen, obgleich ich auch danach ein, 
wenn auch kleineres, Verlangen trug. Daraus ergibt sich 
also, daß der eine Ausdruck dem anderen nicht wider? 
spricht. 



Das Sonett hat drei Teile. Im ersten beginne ich damit, dieser 
Dame zu sagen, wie sehr mein Verlangen ihr zugewandt ist; 
im zweiten sage ich, wie die Seele oder Vernunft zum Her' 
zen oder Verlangen spricht; im dritten sage ich, wie dieses 
jener erwidert. Der zweite Teil fangt an: »Die Seele spricht«; 
der dritte: »Das Herz versetzt«. 

Ein lieblicher Gedanke kommt gar oft, 

bei mir zu weilen, um von euch zu sprechen, 
und weiß so süß von Minne zu erzählen, 
daß er mein Herze zwingt, ihm beizustimmen. 

Die Seele spricht zum Herzen: »Wer ist der, 
der unsrem Geiste Trost zu spenden kommt? 
und ist denn seine Kraft so übermächtig, 
daß andre Meinung uns nicht bleiben sollte?« 

79 



Das Herz versetzt: »Ach du besorgte Seele, 
es ist ein neues Minnegeistlein nur, 
das mir im Innern seine Wünsche vorträgt. 

Sein ganzes Leben, alle seine Macht 

entsprang den Augen jener Mitleidvollen, 
die so erschüttert war ob unsrer Leiden.« 



39 



Gegen diesen Widersacher der Vernunft erhob sich eines 
Tages, es war um die neunte Stunde, eine lebhafte Vorstel* 
lung in mir, in welcher mir schien, ich sähe die verklärte 
Beatrice in dem blutroten Gewände, in welchem sie meinen 
Augen zum erstenmal erschienen war; und sie erschien mir 
jung, ungefähr in dem Alter, in welchem ich sie zum erstens: 
mal gesehen hatte. Da begann ich über sie nachzusinnen, 
und als ich sie mir in der Reihenfolge der vergangenen 
Jahre vorstellte, fing mein Herz an, schmerzliche Reue über 
das Verlangen zu empfinden, von dem es einige Tage so 
schwach gewesen, sich aller Standhaftigkeit der Vernunft 
entgegen beherrschen zu lassen. Und nachdem diese arge 
Begierde also ausgetrieben war, wandten sich alle meine 
Gedanken wieder ihrer holdesten Beatrice zu ; und ich sage, 
daß ich von Stund* an mit so ganz beschämtem Herzen an 
sie zu denken begann, daß meine Seufzer dies vielfach ver* 
rieten, indem sie alle enthauchend gleichsam aussprachen, 
an was das Herz dachte, nämlich an den Namen jener Hol* 
desten und wie sie von uns geschieden. Und oft kam es 
vor, daß ein Gedanke soviel Schmerz in sich barg, daß ich 
ihn und alles um mich her vergaß. Mit den neuentfachten 
Seufzern brachen auch die zurückgehaltenen Tränen wieder 
hervor, dermaßen, daß meine Augen zwei Dinge zu sein 

80 



schienen, die nichts wollten als weinen; und oft geschah es, 
daß infolge des unaufhörlichen Weinens um sie herum eine 
Rötung entstand, wie sie aufzutreten pflegt, wenn einer 
Folterqualen erduldet. Daraus erhellt, daß sie für ihr eitles 
Trachten den gebührenden Lohn erhielten und von da an 
niemanden mehr anschauen konnten, dessen Anblick sie 
zu einem ähnlichen Trachten hätte verleiten können. 

Nun wollte ich, daß jener frevle Wunsch oder eitle Ver* 
suchung so ausgetilgt erscheinen solle, daß auch die vorher 
verfaßten Gedichte darüber keinen Zweifel aufkommen 
ließen. Und darum beschloß ich, ein Sonett zu dichten und 
darin das hier Erzählte zusammenzufassen, und begann: 
»Ach, all den Seufzern, die da ausgegangen.« »Ach,« sagte 
ich, weil ich mich schämte, daß meine Augen in solcher 
Eitelkeit befangen gewesen. 

Ich teile das Sonett nicht ein, weil sein Inhalt es genügend 
erklärt. 

Ach, all den Seufzern, die da ausgegangen 
von den Gedanken, die im Herzen wohnen, 
erlagen meine Augen. Unvermögend 
sind sie, den wahrzunehmen, der sie anblickt. 

Sie sind nun so, daß sie zwei Wünschen gleichen: 
zu weinen, und den Schmerz zu offenbaren; 
und oftmals weinen sie so arg, daß Amor 
mit einem Marterkranze sie umrandet. 

All die Gedanken und erpreßten Seufzer, 
sie wirken so beklemmend auf mein Herze, 
daß drin der Liebesgeist vor Leid verkümmert. 

Denn in sich tragen diese Gramerfüllten 
Madonnas süßen Namen eingeschrieben 
und vieles, was von ihrem Tode sagt. 

6 Dante / 81 



4o 

Nach dieser Kümmernis [es war zu der Zeit, da viel Volk 
hinzog, um das geweihte Bild zu schauen, welches uns 
Jesus Christus hinterließ als ein Abbild seines herrlichen 
Angesichtes, das meine Herrin nun als Verklärte anschaut] 
geschah es, daß einige Pilger durch eine Straße gingen, die 
fast mitten in der Stadt liegt, in der die holdeste Herringe* 
boren war, lebte und starb. Sie schienen ganz in Gedanken 
vertieft einherzugehen, und darum folgten ihnen meine Ge* 
danken, und ich sprach zu mir selber: »Die Pilger da 
scheinen aus einem fernen Lande zu kommen; ich glaube 
kaum, daß sie je von dieser Herrin haben reden hören; sie 
wissen nichts von ihr und denken wohl auch an ganz andere 
Angelegenheiten als die hiesigen; vielleicht weilen ihre Ge< 
danken bei Freunden in der Ferne, von denen wir hier 
nichts wissen.« Und weiter dachte ich mir: »Wenn sie aus 
einem Nachbarlande wären, dann würden sie einigermaßen 
erschüttert aussehen, während sie mitten in dieser trauers 
vollen Stadt einherwandern.« Dann sagte ich mir: »Könnte 
ich sie ein wenig aufhalten, ich würde sie gewiß zum Weinen 
bringen, denn ich wüßte ihnen Dinge zu erzählen, die 
jeden, der sie hört, zu Tränen rühren müßten.« Als sie meU 
nen Blicken entschwunden waren, gedachte ich ein Ge* 
dicht zu machen, dessen Inhalt mein Selbstgespräch sein 
sollte ; und damit es recht mitleiderregend klänge, wollte 
ich es so abfassen, als wenn ich mit ihnen gesprochen hätte. 
Und so dichtete ich das Sonett »O Pilger, die ihr in Ge« 
danken geht«. 

Pilger sage ich in der weiteren Bedeutung des Wortes, denn 
man kann es in zweifachem, in engerem und weiterem Sinne 
verstehen. In weiterem Sinne ist jeder außerhalb seines 

82 



Vaterlandes ein Pilger ; in engerem Sinne heißt aber nur der 
ein Pilger, der zum Hause von Sankt Jakob wallfahrt oder 
von dort zurückkehrt. Man muß aber wissen, daß Leute, 
die zum Dienste des Allerhöchsten wallfahren, in Wirk* 
lichkeit auf dreierlei Art benannt werden. Sie heißen Palm* 
träger (palmieri), wenn sie über das Meer ziehen und von 
dort Palmen mitbringen. Sie heißen Pilger (peregrini), wenn 
sie zum Hause von Galizien wallen, weil das Grab des hei* 
ligen Jakob seinem Vaterlande entfernter lag, als das irgend* 
eines anderen Apostels. Romfahrer (romei) nennt man sie, 
wenn sie nach Rom ziehen; dorthin wanderten auch die, 
welche ich Pilger nenne. — 

Ich teile das Sonett nicht ein, weil sein Gedankengang es ge» 
nügend erklärt. 

O Pilger, die ihr in Gedanken geht, 

vielleicht an Dinge in der Ferne denkend, 
kommt ihr von einem Volk entlegner Heimat, 
wie ihr durch eure Miene gebt den Anschein? 

Denn trocknen Auges schreitet ihr umher 
inmitten dieser Stadt, die voller Trauer, 
und gleichet Leuten, die, wie's scheint, kein Wort 
von ihrem herben Schicksal noch vernommen. 

Wenn ihr verweilen wollt, mich anzuhören, 
— gewiß, das Herz der Seufzer sagt es mir — 
ihr werdet unter Tränen sie verlassen. 

Sie hat verloren ihre Beatrice, 

und jedes Wort, das man von ihr auch sage, 
vermag dem Hörer Tränen zu entlocken. 



83 



41 

Darauf sandten zwei edle Frauen zu mir mit der Bitte, ich 
möge ihnen einige meiner Gedichte senden. In Anbetracht 
ihres vornehmen Standes war ich gewillt, dies zu tun und, 
um ihrer Bitte in möglichst ehrender Weise zu willfahren, 
noch etwas Neues zu dichten und mitzusenden. Ich ver* 
faßte dann ein Sonett, welches berichtet, wie es um mich 
stand, und schickte es ihnen zusammen mit dem vorstehen* 
den und noch einem anderen, welches anfängt: »O kommt 
und wollet doch, ihr edlen Herzen«. Das Sonett, welches 
ich nun dichtete, beginnt mit den Worten: Ȇber die 
Sphäre«. 

Dieses Sonett enthält fünf Teile. Im ersten sage ich, wohin 
mein Gedanke zieht, den ich mit dem Namen einer seiner 
Wirkungen benenne; im zweiten sage ich, warum er empor* 
zieht, d. h. wer ihn dazu veranlaßt; im dritten sage ich, was er 
sieht, nämlich eine Frau, die dort oben geehrt wird; und da 
nenne ich ihn einen pilgernden Geist, weil er geistigerweise 
dort hinauf wandert und einem Pilger gleicht, der dort außer* 
halb seiner Heimat ist; im vierten Teil sage ich, daß er sie so 
sieht, d.h. in solcher Bedeutung, daß ich es nicht zu begreifen 
vermag; und das will sagen, daß mein Gedanke von dem 
Werte dieser Frau dermaßen erhoben wird, daß es 
mein Verstand nicht fassen kann, weil nämlich unser 
Verstand sich zu jenen benedeiten Seelen verhält, wie unser 
schwaches Auge zur Sonne [und das lehrt uns der Philosoph 
im zweiten Buch der Methaphysik] . Im fünften Teil sage ich, 
daß, wenngleich ich nicht zu erkennen vermag, wo* 
hin mich der Gedanke entrückt — nämlich bis zu 
ihrer wunderbaren Eigenschaft — ich doch wenig» 

84 



stens soviel verstehe, daß alles dies das Denken 
meiner Herrin ist, denn ich fühle oft ihren Namen in 
meinem Gedanken. Am Ende dieses fünften Teiles sage ich 
»liebe Frauen«, um zu zeigen, daß es Frauen sind, zu denen 
ich rede. — Der zweite Teil fangt an: »Ein neues Denken«; 
der dritte: »Ist er dort angelangt«; der vierte: »Er schaut sie 
so«; der fünfte: »Ich weiß, er spricht«. — Man könnte das 
Sonett noch eingehender verständlich machen; aber man kann 
mit dieser Einteilung auskommen, und deshalb sehe ich von 
weiterem Einteilen ab. 

Über die Sphäre, die am weitsten kreiset, 

schwingt sich der Seufzer, den mein Herz entsendet: 
Ein neues Denken, das ins Herz die Liebe 
als Ansporn legte, dränget ihn nach oben. 

Ist er dort angelangt, wohin ihn sehnet, 

dann sieht er eine Frau, die hoch geehrt wird 
und also leuchtet, daß ob ihres Glanzes 
der Pilgergeist voll Staunen sie betrachtet. 

Er schaut sie so, daß, wenn er mir's berichtet, 
ich's nicht erfasse; so tiefsinnig spricht er 
zum trüben Herzen, das ihn reden heißt. 

Ich weiß, er spricht von jener Hehren dort, 
denn er erinnert oft an Beatrice, 
so daß ich es wohl fasse, liebe Frauen. 

42 

Nach diesem Sonett ward mir eine wunderbare Vision, in der 
ich Dinge sah, die den Vorsatz in mir erweckten, nichts mehr 
von dieser Benedeiten zu sagen, bis ich in würdiger Weise 
von ihr zu sprechen vermöchte. Um dies zu erreichen, be* 

85 



mühe ich mich, so sehr ich vermag, wie sie wahrlich weiß. 
So daß — wenn es dem, durch den alles lebt, gefallen mag, 
daß mein Leben noch einige Jahre währe — ich von ihr zu 
sagen hoffe, was noch nie von einer Frau gesagt wurde. 

Und dann möge es dem, der der Herr aller Huld ist, ge» 

fallen, daß meine Seele von hinnen gehe, zu schauen die 

Herrlichkeit ihrer Herrin, nämlich jener geweihten 

Beatrice, die in Glorie das Antlitz dessen 

schaut, qui est per omnia 

saecula benedictus. 

Amen 



ERLÄUTERUNGEN 



DIE EINTEILUNG DER VITA NUOVA 

In ciascuna cosa, che ha dentro e di fuori, 
è impossibile venire al dentro, se prima 
non si viene al di fuori. (Convivio II, i) 

Vor dreißig Jahren schrieb der verdienstvolle Danteforscher 
Dr. G. A. Scartazzini : Das »Neue Leben« ist ein Kunstwerk, 
aus Wahrheit und Dichtung so fein gewoben, daß es uns 
Späteren nicht mehr möglich ist, mit einigermaßen sicherer 
Hand die verschiedenen Fäden voneinander zu trennen und 
die Grenzlinien zwischen Wahrheit und Dichtung zu ziehen. 
Auf Grund meist innerer Erfahrung und Erlebnisse hat Dante 
ein ideales, poetisches und zum Teil allegorisches Gebäude 
aufgeführt; der Kern der Erzählung ist geschichtlich, die 
Schale freie Schöpfung des dichtenden Geistes z . Ich kann 
mich diesem Urteil, mit dem auch heute noch die Ansichten 
der meisten Dantologen übereinstimmen, nur teilweise ans 
schließen. Wahrheit und Dichtung lassen sich vielfach 
scheiden, historisches und imaginatives Element sich tren* 
nen, allerdings nur unter der Voraussetzung, daß vorher 
Klarheit über zwei Punkte gewonnen wurde: erstens über 
die Anordnung und den Aufbau des kleinen Kunstwerkes, 
und zweitens über die historische Persönlichkeit der beiden 
geliebten Frauen, von denen es erzählt. Klarheit über den 
letzteren Punkt läßt sich aus der Vita Nuova allein nicht 
erzielen ; hier handelt es sich um ein streng gehütetes Ge* 
heimnis, das sich erst dann erraten läßt, wenn man sich vor* 
her mit den zwei späteren Werken des Dichters vertraut 
gemacht hat: mit dem Convivio (Gastmahl) und der Com* 
media (der Göttlichen Komödie), die beide derart orga* 
nisch mit der Vita Nuova zusammenhängen, daß das Grund* 
motiv der Commedia nicht ohne die Vita Nuova und diese 
nicht ohne die Ergänzungen des Convivio und der Com* 

88 



media richtig verstanden werden kann. Weniger Schwierig* 
keiten macht der erste Punkt, den wir zunächst betrachten 
wollen, das Äußere des Büchleins, seine Architektur und 
Einteilung. 

Der Form nach besteht das Werk aus einem Prosatexte, in 
welchem einunddreißig Gedichte, die Dante unter seinen vie* 
len, im Laufe von etwa zehn Jahren verfaßten Poesien ausge* 
wählt hat, eingewoben sind. Es ist nun von dem Amerikaner 
Chr. Eliot Norton die Beobachtung gemacht worden, daß 
in der Anordnung dieses Stoffes eine eigentümliche Symme* 
trie herrscht. Nimmt man nämlich die im Kapitel 23 enthal* 
tene zweite Kanzone »Ein Mägdlein, teilnahmslos und jung 
an Jahren« als Mittelpunkt des Ganzen an, so findet man 
die erste und dritte Kanzone in gleicher Distanz von ihr. 
Dazwischen stehen je vier Sonette. Vor der ersten und hin* 
ter der dritten Kanzone sind wieder je zehn kürzere Ge* 
dichte geordnet, so daß sich folgendes Schema ergibt: Zehn 
kürzere Gedichte, eine Kanzone, vier kürzere Gedichte, eine 
Kanzone, vier kürzere Gedichte, eine Kanzone, zehn kür* 
zere Gedichte 4 . ( 10. 1 . 4. 1 . 4. 1 . 1 0.) — Nun sagt der Dichter 
nach den zehn ersten Gedichten (im Kapitel 17), daß er jetzt 
einen neuen Stoff für seine Dichtung wählen müsse, der 
edler sei als der vorhergehende 5 . Ebenso spricht er aber auch 
vor den zehn letzten Gedichten (genauer, vor der letzten 
Kanzone, Kap. 30) von einem neuen Stoff, der später folge 6 . 
Die Erwähnung von drei Stoffen oder Materien ist für das 
Verständnis des Werkes insofern von größter Wichtigkeit, 
als sie, die von Norton erkannte Symmetrie bestätigend und 
ergänzend, den klaren Beweis liefert, daß der Dichter sein 
Opus in drei Teile eingeteilt hat; und dies ist um so not* 
wendiger zu wissen, als es unmöglich ist, den Inhalt zu ver* 
stehen, wenn man seine Dreiteilung nicht beachtet: Es zeigt 

89 



sich nämlich, daß jeder der drei Teile einabgeschlos* 
senes Ganzes bildet, das seinen Stoff unabhängig 
von den andern Teilen behandelt. Weiß man dies nicht, 
so irrt man in dem architektonischen Bau herum, wie es all* 
gemein geschieht 7 ; weiß man es, so kann man das Ganze 
überschauen und die Einzelheiten ordnungsgemäß unter* 
scheiden. Der erste, die zehn ersten Gedichte einschließende 
Teil (Kap. 1—18) handelt von Dantes erster Liebe, die in* 
folge einer zweiten Liebe in Vergessenheit zu geraten droht. 
— Der zweite Teil, mit den drei Kanzonen und zwischen 
ihnen stehenden je vier Sonetten (Kap. 19—31), singt das 
Lob der ersten Geliebten, berichtet von ihrem Tode und be* 
trauert ihr Hinscheiden. Der dritte Teil, mit den eingefloch* 
tenen zehn letzten Gedichten (Kap. 32— 34), erzähltvon einer 
zweiten Liebe, die aber schließlich als eine nur vorüber* 
gehende Neigung und Verirrung hingestellt wird, und von 
der Rückkehr der Gedanken zur ersten Liebe. — Soviel über 
den Organismus und formalen Aufbau des Büchleins Vita 
Nuova 8 . 

Zum Verständnis des Inhaltes bedarf es vor allem einer 
eingehenden Darlegung der Bedeutung der Hauptperson, 
der hoch gefeierten Beatrice. Ich werde mich bemühen, 
diese wichtigste Frage der Danteforschung in den folgen* 
den Abschnitten so gemeinverständlich wie möglich und 

in so gedrängter Kürze, als es der diffizile Gegenstand 
erlaubt, zu beantworten. 



90 



BEATRICE 

»Guardaci beni ben sera, ben 
sem Beatrice 1« 

Wenn man alles überblickt, was Dante zuerst in der Vita 
Nuova und später in der Commedia von Beatrice gesagt 
hat, so wird man leicht ein mystisches Geheimnis erkennen, 
das seine Dichterseele erfüllte; man wird aber auch ver« 
stehen, daß das volle Verständnis beider Werke von der 
Enthüllung dieses Geheimnisses abhängt. Wer war diese 
rätselhafte Geliebte, »die rätselhafteste Frau der Weltlitera* 
tur«, wie man sie genannt hat? Was ist die symbolische Be* 
deutung dieses Wunderwesens, das in so innigem Kontakt 
mit dem Göttlichen steht? 

Schon gleich am Anfang der Vita Nuova ist sie von einem 
gewissen Halbdunkel umgeben; der neunjährige Dante ver* 
liebt sich in eine liebliche kleine Florentinerin von acht 
Jahren, »die von vielen, die nicht wußten, wie sie zu nennen 
sei, Beatrice genannt wurde.« Neun Jahre später erscheint 
ihm diese sogenannte Beatrice und grüßt ihn so bedeutsam, 
daß er glaubt, die höchste Glückseligkeit erreicht zu haben. 
Bei dieser Gelegenheit hört er sie, die er so oft besucht 
hatte, zum erstenmal reden (1). Von dem hörbaren Gruß 
wird er in einen Wonnerausch versetzt, der ihn nach Hause 
treibt, wo er in stiller Einsamkeit über sein Erlebnis nach« 
denkt. In einer Vision sieht er den Herrn Amor, der die 
schlafende Beatrice in seinem Arme hält, sie veranlaßt, das 
glühende Herz ihres Verehrers zu verzehren, und dann 
weinend mit ihr gen Himmel schwebt. Von da, von ihrem 
siebzehnten oder achtzehnten Jahre an, geht eine merk* 
würdige Veränderung mit Beatrice vor, die ihr Irdisches 
gleichsam abstreift. Die Geliebte wird zu einem Engel in 
Menschengestalt, zu einer Botschaft Gottes, die die Seele 

91 



des Liebenden durch den Zauber ihrer leiblichen Schönheit 
zu Ihm empor weist 9 . Aber nicht nur auf den Liebenden, 
auf alle Menschen, die sie sehen, übt sie eine übernatür* 
liehe Wirkung aus : wer sie anzuschauen vermag, der muß 
sich »veredeln oder sterben«; von Gott hat sie die Gnade, 
daß »niemand, mit dem sie sprach, zugrunde gehen« kann. 
Sie stirbt im Alter von vierundzwanzig Jahren, nicht infolge 
von Frost oder Hitze, sondern infolge ihrer großen Sanft* 
mut; ihr selbstloses Wesen drang gleich einem Lichtstrahl 
bis hinauf in den Himmel, dem nichts mangelte als ihr Be* 
sitz, und der Ewige, der dieses sah, berief dieses »große 
Heil« zu sich. Droben im Himmel vergeistigt sich die Schön* 
heit, die hinieden die Menschen beglückt hatte, und strahlt 
ein Licht der Liebe aus, das die Engel in staunende Wonne 
versetzt. Am Schlüsse des Büchleins scheint sich die Ge* 
liebte in der Strahlenglorie einer heiligen Frau aufzulösen, 
und Dante sieht in einer wunderbaren Vision Dinge, die 
ihn veranlassen, von dieser Geweihten nichts mehr zu 
sagen, bis er es in würdigerer Weise als jetzt zu tun ver* 
möchte; dann, so hofft er, wird er von ihr sagen, was 
noch von keiner Frau gesagt wurde. — Hier knüpft sich 
an den Schluß der Vita Nuova der Anfang der Comme* 
dia, in welcher sich die mysteriösen Eigenschaften immer 
mehr steigern. 

Dort, im zweiten Kapitel des Inferno, steigt Beatrice von 
ihrem Sitze im Himmel hinab in die Vorhölle zu Virgil und 
sendet diesen Lieblingsdichter Dantes ihrem getreuen Ver* 
ehrer, der, vom rechten Wege abgewichen, sich in dem fin* 
steren Walde des weltlichen Lebens 10 verirrt hat, zu Hilfe. 
Virgil führt Dante durch die Räume der Hölle und des Feg* 
feuers bis in das irdische Paradies. Hier 11 erscheint eine 
Frauengestalt, die Braut des Hohen Liedes (Sponsa de 

92 



Libano) in einer, der Morgenröte gleichenden Blumen» 
wölke, umtönt von Engelgesang, bekränzt mit Öllaub 
auf dem weißen Schleier . . . unter grünem Mantel ge* 
kleidet in die Farbe lebendiger Flamme. Von dieser Gestalt 
geht eine geheime Kraft aus, die Dante die große Macht 
der alten Liebe empfinden läßt, obgleich der Schleier, 
der vom Haupt ihr wallte, sie noch nicht kenntlich ließ er* 
scheinen. In königlicher, strenger Haltung spricht die Ver* 
schieierte zu Dante: »Guardaci ben! ben sem, ben sem Bea* 
trice!« (Schau uns wohl an' wohl sind wir, wohl sind wir 
Beatrice!) Aus den herben Worten, die sie an Dante richtet, 
erfahren wir, wovon die Vita Nuova nichts berichtet, daß 
sie bei Lebzeiten dem jungen Dante ein religiöses Vorbild 
gewesen und ihn dahin geführt, ein Gut zu lieben, darüber 
man nichts Höheres kann erstreben. Er aber hatte nach dem 
Hinscheiden der Geliebten den ihm von ihr gezeigten ge* 
raden Weg verlassen; darum macht ihm Beatrice nun die 
bittersten Vorwürfe : 

»Wohl hielt ihn ein'ge Zeit mein Antlitz aufrecht; 
ich ließ ihn schauen meine jungen Augen 
und führt' ihn so mit mir in grader Richtung. 

Doch als die Art des Lebens ich vertauschte, 

bevor der zweiten Jugend Schwell' ich überschritten, 
entzog sich dieser mir und gab sich andern. 

Als ich vom Fleisch zum Geiste war erhoben, 
und Schönheit mir und Kraft gewachsen waren, 
ward ich ihm minder lieb und minder teuer. 

Den falschen Weg betraten seine Schritte; 
den Truggebilden folgte er des Glückes, 
die niemals halten, was sie erst versprachen . . .« 

93 



»Leg* ab die Träncnlast anjetzt, merk' auf 
und höre, wie nach umgekehrter Richtung 
dich mein begrabner Leib hart' drängen müssen: 

Nie bot Natur dir oder Kunst die Wonne 
wie diese schönen Glieder, die mich einstens 
umschlossen und im Grabe nun vermodern. 

Und wenn so hohe Lust dir ging verloren 

durch meinen Tod, — welch sterblich Wesen durfte 
dich noch verlocken, seiner zu begehren? 

Beim ersten Pfeil der trügerischen Dinge 
da hättest du empor dich schwingen müssen, 
mir nach, die nicht zu ihnen mehr gehörte . . .« 

Nach allem, was diese Beatrice sagt, müßte man sie für den 
Geist der verstorbenen Geliebten halten, aber dann enthüllt 
sie sich und legt damit alles menschlich Persönliche ab. Zuerst 
entschleiert sie Dante die Schönheit ihrer Augen, in denen 
sich die gott*menschliche Natur Christi spiegelt; und dann 
entschleiert sie ihm ihren Mund und transfiguriert sich da* 
mit in den Abglanz des ewigen lebendigen Lichtes, als weis 
eher sie Dante durch die neun Sphären des himmlischen 
Paradieses emporführt. Diese führende Beatrice ist »reine 
Form«, ein immaterielles Wesen, dessen pneumatische Na* 
tur der Dichter nur symbolisch mit strahlenden Augen und 
lächelndem Munde zu verbildlichen vermag, jedoch immer 
noch mit dem poetischen Schein einer geliebten Persönlich* 
keit umgeben, ohne weichen die Beat ricegestalt allen Reiz ver* 
lieren würde. Dieses geistige Lichtwesen wird zuletzt wie* 
der zu einer Persöniclhkeit, zu einer heiligen Frau, die, von 
Glorienschein umflossen, in die Anschauung Gottes ver* 
senkt ist. 

Gegenüber solcher ungreitbarer Um Wandlungsfähigkeit 

94 



und Vielseitigkeit hat die Erklärung einen schweren Stand. 
Eine Unmenge von Schriften gibt Zeugnis von dem For* 
scherfleiß, der sich alle Mühe gab, das Beatricerätsel zu 
lösen, und doch hat alle Anstrengung zu keinem endgül* 
tigen, einwandfreien Ergebnis geführt. Zwei extreme Rieh* 
tungen, die »Realisten« und die »Idealisten« streiten noch 
immer darüber, ob Beatrice ein reales Menschenwesen oder 
ein nur in der Seele und der Phantasie des Dichters exi* 
stierendes Idealwesen sei. — Die Realisten betonen ein* 
seitig die historische Existenz einer Florentinerin, die einst 
Dantes Geliebte war und nach ihrem Tode von ihm in den 
Himmel erhoben und mit göttlichen Eigenschaften ausge* 
stattet wurde. Wäre diese Auffassung so richtig, wie sie 
oberflächlich ist, so würde sie beweisen, daß Dante ent* 
weder mit einer an Verrücktheit grenzenden Schwärmerei 
psychisch belastet gewesen sei oder sich bei klarem Bewußt* 
sein einer ungeheuerlichen Blasphemie schuldig gemacht 
habe. Der bei all seiner souveränen Gestaltungskraft und 
feurigen Dichterphantasie sehr klar denkende und kühl, 
ja pedantisch überlegende Dante Alighieri hat seiner Jugend* 
geliebten, wie weiter unten gezeigt werden soll, einen be* 
scheidenen Platz in der vom höchsten Licht entferntesten 
Seligkeitssphäre eingeräumt; er hätte sich aber nie und nim* 
mer zu der tollen Überschwenglichkeit hinreißen lassen, 
diese Frau, weil sie sich das Verdienst erworben hatte, vor 
Jahren einmal von ihm geliebt worden zu sein, auf den 
Siegeswagen der Kirche Christi zu stellen, sie als »Geliebte 
des ersten Liebenden« (amanza del primo amante) zum 
Symbol der göttlichen Weisheit zu machen, sie auf eigene 
Faust zu kanonisieren und ihr eine Seligkeitsstufe gleich 
nach der der Muttergottes anzuweisen. — Die Idealisten 
betrachten Beatrice ausschließlich als Abstraktion, als eine 

95 



aus der Phantasie des Dichters geborene Ideal gestalt, und 
glauben durch einfaches Darüberwegsehen die geschieht« 
liehe Realität der Geliebten Dantes, die in Florenz ge> 
boren wurde, lebte und starb, beseitigen zu können. Veran* 
lassung zu ihrer Auffassung konnte wohl die Commedia 
geben, in welcher der Symbolismus der Beatrice zu deut* 
lieh hervortritt, um angezweifelt zu werden, nicht aber die 
Vita Nuova, in welcher Beatrice ein durchaus reales 
Menschenkind von Fleisch und Blut ist, eine Florentinerin 
und Christin des dreizehnten Jahrhunderts, die einen Vater 
und einen mit Dante befreundeten Bruder hat, und die am 
neunten Juni des Jahres 1290 stirbt; alles Dinge, die sich 
herzlich schlecht mit einem Nursldealwesen vereinbaren 
lassen. Mit ihren widersprechenden allegorischen Erklärun* 
gen haben die Idealisten nichts Wertvolles geleistet; der eine 
erklärte sie für die kaiserliche Monarchie, ein anderer für die 
katholische Kirche, ein dritter für die aktive Intelligenz; 
wieder andere sahen in ihr das Idealweib, die Theologie, die 
sakrale Poesie, das himmlische Jerusalem oder Gemeinde 
Christi, die beschauliche Erkenntnis, den Glauben, die Lehre 
usw. — An das Nächstliegende, worauf der Bedeutungsname 
Beatrice hindeutet, scheint niemand gedacht zu haben. — 
Für die Erklärung kann es natürlich nur darauf ankorru 
men, was Dante unter Beatrice verstanden hat, und nicht 
darauf, wofür sie von anderen gehalten wird. Nun hat uns 
aber Dante selber den Schlüssel in die Hand gegeben, der 
die Pforte zu dem Beatricemysterium öffnet. Im Kapitel 29 
der Vita Nuova spricht er von der Bedeutung, die die 
Zahl Neun für Beatrice hatte; sie selber, sagte er, sei eine 
Neun, und das sei so zu verstehen: Die Zahl Drei ist die 
Wurzel der Neun, weil sie ohne eine andere Zahl, nur mit 
sich selbst multipliziert, neun gibt [wie klar ersichtlich, da 

96 



dreimal drei neun ist]. Demnach, wenn Drei durch sich selbst 
Schöpfer der Neun ist, und ebenso der durch sich selbst her= 
vorbringende Schöpfer der Wunder Drei ist — nämlich Vater, 
Sohn und Hl. Geist, die drei und eins sind—, so war diese Frau 
von der Zahl Neun begleitet, um verstehen zu geben, daß sie 
eine Neun war, d. i. ein Wunder, dessen Wurzel einzig und allein 
die wunderbare Dreieinigkeit ist. — An der Nichtbeachtung 
dieses wichtigen Hinweises mußten alle Versuche, eine um* 
fassende und endgültige Lösung des Problems zu finden, 
scheitern. Aber merkwürdigerweise sind noch alle Forscher 
(soweit mir bekannt) der Neunheit der Beatrice vorsichtig 
ausgewichen; sei es, daß sie damit nichts anzufangen wuß* 
ten, oder sei es, daß, wie Scartazzini 12 sagt, es uns Mo= 
dernen so ferne liegt, über die Zahlensymbolik nachzudenken 
und Schlüsse daraus zu ziehen, die damals als tiefsinnig gaU 
ten, uns aber sehr sonderbar vorkommen. — 

Ich meine, man müsse, um Dante zu verstehen, sehr ge* 
nau über das nachdenken, worüber er nachgedacht hat, und 
halte es für unwissenschaftlich, ein Eingehen auf seine 
Zahlensymbolik a priori abzulehnen, weil diese einem Mo* 
dernen sonderbar vorkommt. Dante hat die kabbalistische 
und pseudo*dionysische Zahlensymbolik 13 vielfach in 
seinem System verwandt, so in seinen als Analogien für die 
Erklärung der Beatrice ungemein wichtigen Theorien von der 
Emanation und Ordnung der neuen Lichtsubstanzen, ver* 
mittelst deren Gott die Dinge erschafft und regiert. 

So läßt Dante in der Commedia (Paradiso XIII, 52—63) 
den hl. Thomas von Aquin von der schöpferischen 
Liebe Gottes sagen: 

Das, was nicht stirbt, und das, was sterblich ist, 
ist alles nur ein Abglanz der Idee, 

7 Dante 97 



die liebend unser Herr aus sich erzeugt; 
denn das lebend'ge Licht, das so von seinem Lichtquell 

hervorgeht, daß es nie von ihm sich trennt 

noch von der Liebe, die ihr Drittes ist, 
vereinigt seine Ausstrahlung aus Güte 

— gespiegelt gleichsam — in neun Lichtsubstanzen 

und bleibt doch ewig in sich selber eins . . . 

Die Vorbilder (Ideen) aller vergänglichen und unvergäng* 
liehen Dinge ruhen von Ewigkeit her im »Sohn«, dem Lo* 
gos, den der »Vater« durch den »Hl. Geist« (die Liebe) aus 
sich erzeugt. Das von dem Lichtquell (dem Vater) ausstrah* 
lende lebendige Licht des Sohnes ruft nicht alle Dinge un* 
mittelbar in das kreatürliche Dasein, sondern strahlt deren 
Ideen in neun Lichtsubstanzen ein, und erst das von diesen 
aufgenommene Licht ist es, das, von Stufe zu Stufe schwä* 
eher werdend, schärfend hinabsteigt »bis zu den äußersten 
Möglichkeiten«, wo die in den Substanzen tätige Logos* 
kraft im unvollkommenen Stoffe schließlich nur noch un* 
vollkommene »Zufallsdinge« hervorzubringen vermag. — 
Die Neunheit dieser schaffend wirksamen Sub* 
stanzen ist demnach, — wie die Neunheit der Bea» 
trice — »ein Wunder, dessen Wurzel die wunder* 
bare Dreieinheit ist.« 

An einer anderen Stelle der Commedia (Par. XXIX, 
13—36) lehrt Dantes himmlische Führerin, wie die regie* 
rende Liebe Gottes diesen neun Substanzen ihren geord* 
neten Wirkungskreis anweist: 

Nicht um damit ein Gut sich zu erwerben, 

— was niemals sein kann —, nur damit ihr Lichtstrahl 
zurückestrahlend sagen kann: »Ich bin«: 

98 



erschloß sich, frei in ihrer Ewigkeit, 

die Zeit nicht kennt noch räumliche Begrenzung, 
die ew'ge Liebe in neun Lieben . . . 

Ordnung und Zweck ward anerschaffen allen 
Substanzen, und erhoben wurden jene 
zur Welt, in welcher reine Form erzeugt ward; 

Der reine Stoff nahm ein den untren Teil; 
im Mittel bindet Form und Stoff zusammen 
ein solches Band, das nimmermehr sich löset. 

Die neun Lieben (oder Substanzen) sind zu verstehen als 
die Intelligenzen (Ideen) von neun erschaffenen Engel* 
chören, die nach dem göttlichen Weltplan, in drei Welten 
verteilt, wirken und regieren : in einer oberen (himmlischen) 
Welt der reinen Form, einer unteren (irdischen) Welt des 
reinen Stoffes und in einer mittleren Welt, die die obere 
mit der unteren unlösbar verbindet 14 . 

Die ewige gesetzmäßige Ordnung, nach der sich die gött* 
liehe Liebe in neun Liebessubstanzen betätigt, gilt wie für die 
erschaffende und regierende, so auch für die beseli* 
gen de Liebe; darum nennt Dante Beatrice eine Neun. Bea« 
trice ist die poetische Personifikation der sich von Gott zu 
den Menschen berabsenkenden Liebe. Als ein Abglanz des 
von Gott unmittelbar in sie eingesenkten Lichtes kommt 
sie vom Himmel hernieder und strahlt den Widerschein des 
ewigen Lichtes als Liebe in die Herzen. Wen dieser Liebes* 
strahl veredelt, dem ist sie eine Begleiterin, deren Macht 
ihn auf dem rechten Wege aus der täuschenden Vielheit der 
irdischen Dinge zu der nie trügenden Einheit der höchsten 
Liebe emporführt. Als ein Wunder der Dreieinheit ist die 
beseligende Liebe dreipersönlich, und jede ihrer drei Per* 

7 . 99 



sonen wirkt in ihrer »Welt«. Die Beatrice der Vita Nuova 
ist verschieden von der Beatrice des irdischen Paradieses, 
wie diese von der Beatrice des himmlischen Paradieses, und 
diese drei Hypostasen der Liebe dürfen so wenig mitein* 
ander verwechselt werden, wie die drei göttlichen Hypo* 
stasen Vater, Sohn und Hl. Geist, die drei und eins sind. — 
Dreipersönlich, und jede Person aus sich wiederum eine 
Dreiheit schaffend, so tritt Beatrice, die beseligende Liebe, 
klar und deutlich aus Dantes Dichtungen hervor, — eine 
Neunheit von »Lieben«, wie sie dem Denker Dante vors 
schwebte, und nicht mißzu verstehen für jeden, der die 
Augen aufmacht. 

Die Vita Nuova handelt vornehmlich von der in der Ge* 
liebten inkarnierten irdisch*menschlichen Liebe. Diese irdi* 
sehe Beatrice erweckt zwei Arten der Liebe, die der »un* 
teren« Welt angehören. Zuerst erscheint sie Dantes Augen 
in blutrotem Kleide, beseligend mit der natürlichen Liebe 
des Herzens (cuore cioè l'appetito). Neun Jahre später er* 
scheint sie in schneeweißem Gewände, veredelt in die be* 
seligende Liebe der Seele (anima cioè ragione) 15 . Somit 
bildet die irdische Liebe aus sich eine Dreiheit von Lieben: 

DIE LIEBE ERWECKENDE PERSON, eine Beseligerin 
menschlicher Natur; 

DIE LIEBE DES HERZENS (symbolische Farbe Rot); 

DIE LIEBE DER SEELE (symbolische Farbe Weiß). 

Im irdischen Paradiese der Commedia kommt die 
menschliche und göttliche Natur in sich vereinigende »Braut« 
des Hohen Liedes (in der Theologie ein Symbol der mysti* 
sehen Liebe der Seele zu ihrem himmlischen Bräutigam) 

100 



von oben herab, löst zuerst mit strafender Strenge Dante 
von der Liebe zu irdischen und kreatürlichen Dingen los 
und beglückt ihn dann, ihre Gottnatur enthüllend, mit der 
allein wahren, ewigen Liebe. In dieser erlösenden Liebe der 
mittleren (die obere mit der unteren verbindenden) Welt 
bildet Beatrice die Dreiheit von Lieben : 

DIE MYSTISCHE BRAUT, eine Beseligerin gott* 
menschlicher Natur; 

DIE LOSLÖSENDE, STRAFENDE LIEBE (symbo* 
lisch: verscheiert) 16 ; 

DIE ERHEBENDE, BEGNADENDE LIEBE (symbo* 
lisch: entschleiert). 

Im himmlischen Paradiese der Commedia ist Beatrice 
eine Emanation aus dem Geiste Gottes, ein Abglanz des 
göttlichen Lichtes, der den übermenschlichen (trasuma* 
nato) Dante durch alle Sphären der himmlischen Welt bis 
an die Schwelle des letzten Mysteriums geleitet. In dieser 
Diva Beatrice ist nichts Menschliches, sie ist ein pneuma* 
tisches Wesen göttlicher Art; die Lehre ihres »Mundes« ist 
das Wallen des heiligen Flusses, der dem Quell der Weis* 
heit entspringt, und ihre »Augen« überzeugen durch die 
aus ihnen strahlende, erwärmende und belebende Liebe des 
ersten Liebenden 17 . In der ob eren himmlischen Welt bildet 
diese vergottende Beatrice die höchste Dreiheit von Lieben: 

DIE PARADIESISCHE FÜHRERIN, eine Beseligerin 
göttlicher Natur; 

DIE CHERUBINISCHE WEISHEIT (Symbol der 
Mund); 

DIE SERAPHISCHE LIEBE (Symbol die Augen). 

101 



Diese Lösung des BeatricesRätsels ist weder das Produkt 
subjektiver Phantasie, noch eine auf schulwissenschaftlichen 
Maximen aufgebaute Hypothese. Da sie auf der einfachen 
Wiederholung und ungekünstelten Anwendung dessen 
beruht, was Dante in seinen Werken angedeutet und aus* 
geführt hat, darf sie wohl mit Recht behaupten, Beatrice so 
erklärt zu haben, wie Dante sie verstanden hat. 

Der Dichter Dante hält sich nicht durchweg streng an 
das System des Philosophen Dante. Um die hohe Beseli* 
gerin nicht als trockenes gestaltloses Abstraktum und rein 
begriffliche Intelligenz behandeln zu müssen, beläßt er ihr 
auch noch im Paradiso den Reiz einer liebenden weiblichen 
Persönlichkeit und Erinnerungsbildes der Geliebten 18 . 
Diese poetische Verbindung des geliebten Weibes mit der 
emporführenden ewigen Liebe, die Goethe in der Bea* 
trice der Commedia vorgebildet fand, mag wohl die Anre* 
gung zu den Schlußworten des »Faust« gegeben haben: 

Das Ewig * Weibliche 
zieht uns hinan. 

Wenn im Vorstehenden Beatrice als die beseligende Liebe erklärt 
wurde, so wird damit Amors Anteil an der Bedeutung Liebe nicht 
geschmälert; aber Amor ist, im Unterschiede von Beatrice nicht 
Beseliger, sondern Beseligung (beatitudo). In einem nicht in die 
Vita Nuova aufgenommenen Sonett (Molti volendo dir, che fosse 
Amore) nennt Dante Amor »ein sehnsuchtsvolles Leiden, eine ans 
geborene Lust an der Schönheit«. Amor ist, wo er in der Vita 
Nuova auftritt, eine allegorische Verkörperung des subjektiven 
Liebesgefühles und damit ein dramatischer Interpret dessen, was 
in Dantes Herzen vorgeht. Er spricht, lacht, weint, ist übermütig 
oder niedergeschlagen und mutlos, zu unbesonnenen Liebeleien 
geneigt oder verständig und überlegend. Die Liebe der höheren 
Regionen ist nicht seine Sache, seine Herrschaft erstreckt sich nicht 
über die diesseitige Welt hinaus. Sein Feld ist die irdische Liebe, 

102 



und darum trägt er auch deren Farben, gleich der irdischen Bea* 
trice. Einmal (in der ersten Vision, Kap. 3) erscheint er feuerrot, als 
Gefühl der Herzensminne, frohgemut, dann bitterlich weinend. 
Ein andermal (in der zweiten Vision, Kap. 12) erscheint er in weis 
ßem Gewand als Gefühl der Seelenminne, mitleidig, nachdenklich, 
und guten Rat erteilend. — (Liebe als theologische Tugend ist 
weder Beatrice noch Amor.) 



DANTES ERSTE GELIEBTE 

»Io fui nel mondo vergine sorella.« 
Dante, der mit so eingehender Selbstbeobachtung seine 
eigenen Liebesgefühle belauscht und mit so rückhaltloser 
Offenheit alle Stimmungen und Erfahrungen seines Innen* 
lebens in der Vita Nuova schildert, wird zurückhaltend und 
schweigsam, wenn er von der Geliebten spricht. Wir er* 
fahren kein einziges Wort, das die Jugendgeliebte zu ihm 
gesprochen hätte, nichts von ihrem Gefühlsleben, nichts 
von ihren Lebensverhältnissen, keine Silbe, ob sie ihm 
Gegenliebe schenkte. Sie, die seinem Herzen am nächsten 
stand, wird wie in weite Ferne entrückt, wenn er von ihr 
spricht; es ist als ob er in ihrer irdischen Erscheinung nur 
das Wesen der überirdischen Liebe gesehen hätte. — Er hat 
ihr den Namen Beatrice gegeben, und niemand scheint bis 
in die neuere Zeit hinein daran gezweifelt zu haben, daß 
dies ihr wirklicher Name gewesen sei. Der Novellist Gio* 
vanni Boccaccio, der eifrige Verehrer und Biograph Dan* 
tes, dem die Signoria von Florenz, 52 Jahre nach dem Tode 
des großen Dichters, das Amt übertrug, die Commedia zu 
erklären, hatte es bestätigt, und so haben die späteren Com* 
mentatoren einfach wiederholt, was er berichtet hatte. Zwei* 
mal, in seiner Vita di Dante und in seinem Kommentar zur 
Commedia, erzählt Boccaccio auf das Zeugnis einer glaub* 

103 



würdigen Person (fede degna persona) hin, daß ein ange* 
sehener Florentiner, Folco Portinari, seine Nachbarn am 
ersten Mai zu einem Frühlingsfeste in seinem Hause ver* 
sammelt habe. Dahin sei auch Dantes Vater, und mit ihm 
sein neunjähriger Sohn gekommen. »Unter den Kindern 
aber war auch ein Töchterlein jenes Folco, Bice mit Namen 
— denn so ward sie, statt mit dem eigentlichen Namen: Bea= 
trice, genannt —, von etwa acht Jahren, gar zierlich nach Mäd= 
chenweise, in ihrem Wesen voll Adels und von großer An* 
mut, in Betragen und Worten ernst und bescheiden, mehr, 
denn ihre wenigen Jahre erwarten ließen. Über dieses waren 
die Züge ihres Angesichtes sehr zart und auf das beste ge° 
staltet, und, außer der Schönheit, so ehrbarlich und voll Lieb* 
lichkeit, daß sie von vielen fast als ein Englein erachtet ward. 
Diese nun, wie ich sie hier schildere, oder vielleicht weit 
schöner noch, erschien bei jenem Feste nicht, wie ich glaube, 
zum erstenmal, wohl aber zuerst mit jener Gewalt, die Liebe 
weckt, den Augen unseres Dante, der, obwohl nur noch ein 
Knäblein, mit solcher Innigkeit ihr Bild in sein Herz auf 
nahm, daß es seit diesem Tage, so lange er lebte, nie wieder 
daraus schied.« — Woher mag wohl diese so verdächtig ge* 
nau unterrichtete »glaubwürdige Person« das alles erfahren 
haben? Von Dante gewiß nicht. Die ganze Erzählung macht 
den Eindruck, als sei Boccaccios Novellistenphantasie die 
glaubwürdige Person gewesen 19 . — Die Identität dieser 
Bice Portinari mit der Beatrice der Vita Nuova wurde zu* 
erst von Scartazzini mit gewichtigen Gründen angegriffen; 
er sagt unter anderem : Der Dichter erzählt ausführlich genug, 
welche peinliche Mühe er sich gegeben, daß das Geheimnis 
seiner Liebe nicht verraten würde. Wie in aller Welt wäre er 
dann dazu gekommen, handumkehr, und zwar noch zu Leb» 
zeiten der Geliebten, sowie auch sofort nach ihrem Tode, selbst 

104 



sein Geheimnis auszuposaunen? Will man nicht solchen Ün= 
sinn zugeben, so wird man nicht umhin können, zuzugeben, daß 
»Beatrice« doch eben nur der fingierte, der angenommene 
Name der Geliebten ist, daß sie aber im wirklichen Leben 
jeden anderen Namen eher als grade diesen getragen haben 
muß 20 . Heutzutage dürfte wohl jeder klarsehende Dantologe 
in Boccaccios Bericht nichts weiter als eine novellistische Aus* 
schmückung der ersten Szene der Vita Nuova erkennen 21 . 

Wer war nun aber Dantes Jugendgeliebte, wie hieß sie 
mit ihrem wirklichen Namen? — Da uns kein zu verlas* 
sigerer Berichterstatter darüber Auskunft gibt, so müßte 
die Frage für immer unbeantwortet bleiben, wenn uns nicht 
das, was in Dantes Dichtungen zwischen den Zeilen ge* 
schrieben steht, einen Fingerzeig gäbe. Seltsam wäre es auf 
jeden Fall, wenn Dante dem reinen edlen Wesen, das er in 
der Vita Nuova so zart und verehrungsvoll besungen hat, 
nicht auch ein Plätzchen in der Commedia gegönnt hätte. 
Man sollte meinen, daß in dem Paradiese, wo die ideale 
Beatrice als ein göttliches Licht Dantes Führerin ist, auch die 
reale Beatrice, und zwar mit ihrem wirklichen Namen, unter 
welchem ja kaum jemand die Jugendgeliebte der Vita Nuova 
erkennen konnte, anzutreffen sein müsse. — 

Werfen wir einmal einen Blick in den dritten Gesang des 
Paradiso. Dort ist der Jenseitswanderer Dante, von Beatrice 
geführt, in der Mondsphäre angelangt, wo die Geister jener, 
die auf Erden ein Gelübde nicht ganz erfüllt haben, im nie* 
dersten Grad der Seligkeit sich glücklich fühlen. Mensch* 
liehe Gesichtszüge tauchen dort wie Spiegelbilder in einem 
Lichtnebel auf, schwach und kaum kennbar, wie eine Perle 
auf weißer Stirn. Eine dieser Seligen — es ist die erste, an 
die Dante im Paradiese das Wort rieht et — scheint mit ihm 
sprechen zu wollen : 

105 



Und zu dem Schatten, den, wie's schien, am meisten 
zu sprechen drängte, wandt' ich mich, beginnend 
wie einer, der von heißem Wunsch verzehrt wird: 

»O holderschaffner Geist, der an den Strahlen 
des ew'gen Lebens du die Wonne fühlest, 
die keiner kennt, der sie nicht selbst empfunden, 

dankbar würd' ich vernehmen, wie dein Name, 
auch was von eurem Zustand du mir kündest.« 
Und froh bereit, mit heitrem Blick sprach jene: 

»Dem Wunsche, der berechtigt ist, schließt unsre Liebe 
die Pforte niemals, denn auch Jene tut's nie, 
die ihren ganzen Hof sich ähnlich sehen will. — 

Auf Erden war ich eine Klosterjungfrau, 

und denkst im Geiste du zurück, so werd' ich, 
obgleich ich schöner wurde, dir nicht fremd sein; 

Du wirst in mir Ficcarda wiederkennen, 
die mit den andern Seligen sich selig 
hier in der langsamsten der Sphären fühlt.« 

»Vollkommenheit und hoch Verdienst erhoben 
weit höher jene Frau, nach deren Regel 
in eurer Welt sie Kleid und Weihel tragen, 

um bis zum Tod zu wachen und zu ruhen 
mit jenem Bräut'gam, der ein jed' Gelübde 
annimmt, das Lieb', ihm zu gefallen, darbringt. 

Ihr nachzueifern, floh in jungen Jahren 

ich aus der Welt und hüllt' in ihr Gewand mich, 
verpflichtend mich zum Leben ihres Ordens. 

Drauf Männer, die an Böses mehr als Gutes 
gewöhnt, dem lieben Kloster mich entrissen. — 
Gott weiß es, wie mein Leben dann gewesen 1« — 



106 



Nachdem Piccarda lange mit Dante gesprochen, stimmt sie 
das Ave Maria an, und singend entschwindet sie lang» 
sam seinen Blicken. So lange als möglich 22 schaut ihr Dante 
sinnend nach, bis er nichts mehr von ihr zu erkennen 
vermag. 

Diese Piccarda war die Tochter des Simeone Donati, die 
Schwester von Corso und Forese Donati, und eine nahe 
Verwandte und Freundin von Dantes Gattin Gemma Do* 
nati. Der Ottimo Commento berichtet von ihr, sie sei aus 
freien Stücken in das Kloster der hl. Clara getreten, ob* 
gleich sie von ihren Brüdern (?) einem Florentiner Edel* 
manne Roselino della Tosa verlobt gewesen sei. Ihr Bru* 
der, Messer Corso, der sich damals zur Verwaltung des 
dortigen Gemeinwesens in Bologna aufhielt, sei, als er die 
Nachricht von seiner Schwester Eintritt in das Kloster er* 
halten habe, sofort nach Florenz zurückgekehrt, habe sie 
wider ihren, der Klosterfrauen und der Äbtissin Willen aus 
dem Kloster geholt und sie dem genannten Edelmanne zur 
Frau gegeben. Sie habe zu Gott um Erlösung gefleht, wor* 
auf er ihr eine Krankheit geschickt habe, an der sie nach 
kurzer Zeit gestorben sei. — Es spricht so vieles dafür, daß 
Piccarda Donati die Jugendgeliebte Dantes war, daß man 
sicher schon längst darauf gekommen wäre, wenn man er* 
kannt hätte, daß die reale Beatrice der Vita Nuova nicht 
die ideale Beatrice des himmlischen Paradieses ist. Für den 
Jenseitswanderer Dante im Paradiese ist die einstige Ge* 
liebte keine Be»:ligerin, keine Beatrice mehr; sie ist ein 
Schatten, der ihm die Erinnerung an sechzehn Jahre treuer 
Liebe zurückruft, mehr nicht. Er schaut ihrem entschwin* 
denden Bilde lange nach, dann aber kehrt sein Blick 

Zum Ziele sich des größeren Verlangens 
und wandte ganz sich hin zu Beatrice. 

107 



Mit der Erkenntnis, wer die kleine Beseligerin des neun* 
jährigen Dante war, fällt mit einem Male ein überraschen* 
des Licht auf die Geschichte von Dantes erster Liebe. Das 
liebliche achtjährige Mädchen war ein Nachbarskind; das 
Haus der Alighieri 23 lag in einer und derselben Häuserinsel 
mit dem der Donati (von der Rückseite des einen schaute 
man hinüber nach der Rückseite des andern), und der junge 
Dante brauchte nicht weit zu gehen, um das kleine Englein, 
wie es häufig geschah, zu besuchen. Jene Begegnungsszene, 
wo ihn die weißgekleidete Geliebte so wunderbar grüßt, ist, 
dem schlichten Wortsinne nach, kaum zu erklären; aber wie 
verständlich wird sie mit all ihren Einzelheiten, wenn man 
weiß, daß die junge Piccarda in das Kloster floh, um der Ehe 
mit dem ungeliebten Manne zu entgehen. Sie trägt die weiße 
Farbe der Seelenminne, denn für die Herzensminne war 
mit jenem Schritte das Ende gekommen. Und was sagte ihr 
geheimnisvoller Gruß dem achtzehnjährigen Dante? 
Brachte er ihn nicht auf den Gedanken, dem Beispiele der 
Geliebten zu folgen und sich, wie sie, dem kontemplativen 
Leben zu widmen, um mit der aussichtslos angebeteten 
Freundin in gemeinsamem, auf Gott gerichtetem Streben 
geistigerweise vereint zu bleiben? Einer der ältesten Er* 
klärer der Commedia, Francesco Buti, berichtet als eine all* 
gemein bekannte, von niemanden bezweifelte Tatsache, 
Dante sei in seiner Jugend in den Franziskanerorden einge* 
treten, aber vor Vollendung des Noviziates wieder ausge* 
treten. Wenn spätere Forscher annehmen, er sei Mitglied 
des dritten Ordens dieses Heiligen gewesen, so schließt das 
ja nicht aus, daß er vorher Novize gewesen sein könne. 
Soviel steht fest, daß ihn die Franziskaner immer als einen 
der ihrigen betrachtet haben, und bei ihnen wurde er auch 
beerdigt. 

108 



Wie aus der Vita Nuova zu ersehen, ist Beatrice im Jahre 
,1290 im Alter von 24 Jahren gestorben; — und wann starb 
Piccarda? Sie erzählt, sie sei jung (giovinetta) aus der Welt 
in das Kloster geflohen (nach der Vita Nuova muß sie 17 
oder 18 Jahre alt gewesen sein); der Ottimo Commento und 
andere alte Commentatoren berichten, sie sei nach kurzer 
Ehe gestorben, aber nicht, wie lange ihr Klosterleben ge* 
dauert habe. Nun kann der Gewaltakt ihres Bruders Corso, 
der, wie der Bericht lautet, von Bologna kam, um sie aus 
dem Kloster zu reißen und mit Roselino della Tosa zu ver* 
heiraten, sich nur im Jahre 1283 oder im Jahre 1288 zuge* 
tragen haben, denn in diesen Jahren war Corso Podestà in 
Bologna 24 . Nehmen wir 1288 als das verhängnisvolle Jahr 
an und rechnen für die Dauer des kurzen Ehestandes hoch* 
stens l 1 ^ bis 2 Jahre, so kommen wir auf 1290 als Todes* 
jähr der Piccarda, — dasselbe Jahr, in dem Beatrice gestor* 
ben ist. Wenn Beatrice und Piccarda verschiedene Personen 
wären, so müßten beide j ung und, wie wahrscheinlichen dem 
gleichen Jahre gestorben sein. Die historischen Daten spre* 
chen also viel mehr für als gegen die Identität der ]beiden. 
Dafür spricht auch eine ganze Reihe von Gedanken aus 
der Vita Nuova, die in der Commedia wiederkehren 25 ; 
ganz bespnders spricht aber dafür folgende Stelle aus der 
Vita Nuova (Kap. 32) : Nachdem . . . kam jemand zu mir, der, 
nach der Stufenfolge der Freundschaft gerechnet, unmittelbar 
auf meinen ersten Freund folgte. Dieser war jener Verklärten 
(Beatrice) durch Blutsverwandtschaft so enge verbunden, daß 
niemand ihr näher stand. (Das darauffolgende Kapitel nennt 
ihn kürzer den Bruder der Beatrice.) — Wer war dieser 
zweite Freund Dantes? Von den uns bekannten Freunden 26 
Dantes könnte Cino von Pistoja in Betracht kommen, aber 
dessen Familie (Sinibaldi) war nicht in Florenz, sondern in 

109 



Pistoja ansässig, und darum dürfte er kaum eine Schwester 
gehabt haben, die »in Florenz geboren war, lebte und starb«, 
wie Beatrice. Dantes Freundschaft mit Casella (Purg. II, 76) 
scheint sich mehr im Bereiche gemeinsamer künstlerischer 
Ideale bewegt zu haben, seine Freundschaft mit Dino Com* 
pagni in amtlichem Verkehr. Viel eher, als an diese, läßt sich 
an Forese Donati denken, ja, eigentlich kann nur er der 
zweitbeste Freund gewesen sein. Mit dem Nachweis, daß er 
es war, würde natürlich auch der Beweis erbracht, daß seine 
Schwester Piccarda die berühmte, von Dante geliebte histo* 
rische Beatrice gewesen ist. Nun besitzen wir zum Glück 
eine Urkunde, die deutlich zeigt, wer der gesuchte Freund 
gewesen ist, wenn sie ihn auch nicht (um das Geheimnis 
der Liebe zu Piccarda nicht zu verraten) so wörtlich und 
ausdrücklich als zweiten Freund bezeichnet, wie es die Vita 
Nuova tut. 

Wir lesen in der Commedia (Purgatorio XXIII), wie 
Dante auf seiner Wanderung durch das Fegfeuer mit Virgil 
an den Ort kommt, wo die Schlemmer ihre Sünde büßen. 
Dort trifft er seinen vor noch nicht fünf Jahren verstor* 
benen Freund Forese Donati, so abgemagert, daß er ihn nur 
an der Stimme wiedererkennt: 

Und aus des Kopfes Höhle richtete ein Schatten 
auf mich die Augen ; starr blickt' er mich an, 
dann rief er laut: »O welche Gnade wird mir!« 

Nun findet eine lange Unterredung zwischen den beiden 
Freunden statt, deren intimer Ton ein Austausch von Erin* 
nerungen, in Worten gegenseitiger Anteilnahme, im Aus* 
sprechen der Hoffnung auf Wiedersehen, in der Erwäh* 
nung von Familienangehörigen, in der Frage nach Verwand* 
ten erkennen läßt, wie stark das Band der Freundschaft und 

110 



wie eng die Beziehungen zwischen Dante und Forese ge* 
wesen sind 27 ; nirgends und mit keinem anderen Schatten 
spricht Dante so eingehend und liebevoll freundschaftlich. 
Auch nach Piccarda fragt Dante ihren Bruder : 

»Doch sage mir, wenn du es weißt, wo ist Piccarda?« 
worauf ihm dieser antwortet: 

»Die Schwester mein, so schön und gut — ich weiß nicht, 
was sie von beidem mehr war — freut im hohen 
Olymp sich schon der Krone des Triumphes.« , 

Forese sagt noch das schreckliche Ende seines Bruders Corso 
voraus, der zumeist verschuldet (quei che più n'ha colpa), 
was an Leid über Piccarda und über Florenz gekommen ; 
dann trennt er sich von Dante, der ihm so lange nach« 
schaut, 

Bis er so weit von uns entfernt war, 

daß ihm mein Auge nicht mehr folgen konnte. 

Es ist das gleiche lange und wehmütige Nachschauen, das 
in der Commedia nur noch einmal vorkommt, und grade 
dort, wo Piccardas Bild den Blicken Dantes langsam ent* 
schwindet. Es ist ein Zeichen, wie lieb Piccarda und ihr 
Bruder Forese Donati unserem Dichter gewesen sind, und 
man darf wohl sagen, ein zarter Hinweis darauf, daß sie 
unter allen Geistern im Jenseits seinem Herzen am nach« 
sten standen : Seine Jugendgeliebte und sein verstorbener 
bester Freund 28 . 

Ich weiß nicht, ob man nach allem dennoch berechtigt ist, 
mehr und stärkere Beweise dafür zu verlangen, daß Pie* 
carda Donati die Beatrice der Vita Nuova gewesen ist. 



Ili 



BEATRICE DIE HEILIGE 

Perfetta vita ed alto merto inciela 
Donna più su . . . 

Der XXXI. Gesang des Paradiso erzählt, daß Dante an 
seine Führerin Beatrice eine Frage richten wollte; er wendet 
sich nach ihr um, sieht aber statt ihrer einen Greis, den hl. 
Bernhard, vor sich, den er nach ihr fragt: 

Wo ist sie? fragt' ich eilig, und zur Antwort 
gab er: »Ans Ziel zu führen deine Sehnsucht, 
berief von meinem Sitz mich Beatrice. 

Wenn du hinaufschaust nach dem dritten Kreise 
der höchsten Stufe, wirst du auf dem Throne, 
den ihr Verdienst erworben hat, sie sehen.« 

Den Blick erhob ich schweigend, und ich sah sie 
mit einem Glorienscheine sich umkränzen, 
durch Rückspieglung der ew'gen Strahlen. , 

Am Ende ihrer Führerschaft wird hier Beatrice zu einer 
Heiligen, zu derselben Heiligen, die am Anfang der Com* 
media in die Vorhölle hinabstieg, um Dante Hilfe zu sen* 
den. — Damit erhebt sich ein schweres Bedenken gegen 
meine obige Erklärung, die himmlische Beatrice sei ein Licht 
Gottes und eine Hypostase der in der oberen Welt wirken* 
den Liebe. Die Heiligen im Himmel sind ja keine Abstrakt 
tionen, keine Engel, keine Ideale, keine Hypostasen der 
dreieinigen Liebe, sondern sie sind reale Seelen, die im 
Erdenleben, mit einem Menschenleibe vereint, Menschen 
waren. Folglich muß auch jene Heilige im Glorienscheine 
wie alle anderen seligen Geister früherauf Erden als Mensch 
unter den Menschen gelebt haben ; sie kann sich aber nicht 
aus einem Licht Gottes in eine menschliche Individualität 
verwandeln, wenn man auch dem Dichter die weitgehendste 

112 



poetische Freiheit einräumt. — Die Verwandlung ist aber 
nur eine scheinbare; in Wirklichkeit klafft zwischen der 
himmlischen Führerin und der Heiligen eine Lücke, die 
durch den gemeinsamen Namen nur zum Schein überbrückt 
wird. Dante hat die Führerin Beatrice einfach ausgeschaltet 
und, ohne zu erklären warum, den hl. Bernhard eingescho* 
ben. Es ist nicht einzusehen, warum die himmlische Bea* 
trice, ein Abglanz des ewigen lebendigen Lichtes, Dante 
auf seiner Himmelswanderung nicht bis an das Ziel seiner 
Sehnsucht habe führen können, und warum das Amt dem 
hl. Bernhard übertragen werden mußte. Wohl aber ist es 
begreiflich, daß der Dichter die Führerin verschwinden ließ, 
um die Heilige in sein Gedicht einzuführen, von der er 
sagen wollte, »was noch nie von einer Frau gesagt wurde«. 
Wer ist nun aber diese heilige Beatrice, für die in der 
Neunheit der Beatrice kein Raum ist? Man wäre geneigt, 
in ihr eine Apotheose der Jugendgeliebten zu sehen ; dem 
widerspricht aber, daß Ficcarda sich im Mondhimmel eines 
Grades der Seligkeit erfreut, der weit unter dem dieser Hei* 
ligen steht, die in der Himmelsrose ganz oben »im dritten 
Kreise der höchsten Seligkeitsstufe« thront. Wir begegneten 
der leuchtenden Frau, die hier am Ende der Commedia auf* 
taucht, schon einmal am Ende der Vita Nuova; aber auch 
dort ist sie nicht identisch mit Piccarda, sondern steht nur 
in einem geheimnisvoll verschleierten Zusammenhang mit 
ihr. Schauen wir uns das letzte Sonett der Vita Nuova noch 
einmal genau an. Es lautet: 

Über die Sphäre, die am weitsten kreiset, 

schwingt sich der Seufzer, den mein Herz entsendet. 
Ein neues Denken, das ins Herz die Liebe 
als Ansporn legte, dränget ihn nach oben. 

8 Dante 113 



Ist er dort angelangt, wohin ihn sehnet, 

dann sieht er eine Frau, die hoch geehrt wird 
und also leuchtet, daß ob ihres Glanzes 
der Pilgergeist voll Staunen sie betrachtet. 

Er schaut sie so, daß, wenn er mir's berichtet, 
ich's nicht kann fassen ; so tiefsinnig spricht er 
zum trüben Herzen, das ihn reden heißt. 

Ich weiß, er spricht von jener Hehren dort, 
denn er erinnert oft an Beatrice, 
so daß ich es wohl fasse, liebe Frauen. 

Mit Hilfe der erläuternden Einteilung läßt sich in diesem 
absichtlich dunkel redenden Sonett folgender Sinn erken* 
nen: Eine neue Eingebung der Liebe regt Dante an, sich 
geistig in die Gedankenwelt seiner verstorbenen Geliebten 
zu versetzen, und so läßt er seinen Gedanken zu ihr über 
die höchste Sphäre hinaus, also in den empyreischen Him* 
mei pilgern. Sein impulsiv dorthin versetzter Gedanke 
schaut eine im Himmel hochgeehrte Frau von so strahlen« 
dem Wert, daß sein irdisch?menschlicher Verstand ihn nicht 
zu erfassen vermag. Aber das weiß Dante, daß alles, was 
sein Geist dort schaut, Gedanken seiner Jlerrin (der seli* 
gen Piccarda) sind 29 ; und darum vermag er zu fassen, war* 
um ihm ihre Gedanken den Wert dieser leuchtenden Hei* 
ligen suggerieren. 

Direkt an dieses Sonett schließen sich die Schlußworte 
der Vita Nuova. Eine Eingebung seines Genius zeigt dem 
Dichterauge Dantes (in einer »wunderbaren Vision«) Dinge, 
die ihn veranlassen, von dieser Benedeiten nichts mehr zu 
sagen, bis er es in würdigerer Weise als jetzt zu tun im* 
stände sei. Was er sich da vorgenommen, das hat er später 
in der Commedia ausgeführt, aber seine immense Gestal« 

114 



tungskraft hat sich nicht mit der Verherrlichung der bene« 
deiten Beatrice begnügt. Er hat aus der Beatrice das große 
Wunder der Neunheit geschaffen, das ihm als der Orga* 
nismus der beseligenden Liebe schon in der, Vita Nuova 
vorschwebte. Unabhängig von diesem Wunder ist die bene* 
deite Heilige, die er, in einer dichterisch freien Gedanken* 
Verbindung mit der Jugendgeliebten scheinbar verschmolz 
zen, seinem heiligen Gedicht einfügte. 

Wer die leuchtende Heilige ist, auf die in jenem Sonett 
die Gedanken der seligen Geliebten gerichtet sind, wird 
bei eingehender Betrachtung immer deutlicher. Bei dem 
Gespräch im Mondhimmel wird von Piccarda ihrer gedacht, 
als der Frau, in deren Ordenskleid sie sich in ihrer Jugend 
gehüllt habe, und die wegen ihres vollkommenen Lebens 
und hohen Verdienstes weit höher (d. h. in einen weit 
höheren Grad der Seligkeit als Piccarda) erhoben worden 
sei 30 . Diese Frau, auf deren Verdienste auch der hl. 
Bernhardt ausdrücklich hinweist 31 , thront im Empyreum, 
umstrahlt von einem lichten Glorienschein, der sowohl in 
der Vita Nuova wie in der Commedia mit so starker Be* 
tonung erwähnt wird, weil er auf den Namen dieser Bea* 
trix hinweisen soll, auf Clara, d. i. die Lichte, Leuchtende, 
Helle 32 . 

Die heilige Clara war die Stifterin des Ordens, dem Pie* 
carda angehört hatte, und sie war die schwesterlich geliebte 
Freundin des hl. Franz, des Stifters des Ordens, dem Dante 
angehörte. So bestand zwischen den beiden Heiligen ein 
geistiges und seelisches Verhältnis, wie es zwischen dem 
Franziskaner Dante und seiner schwesterlich geliebten 
Freundin, der Clarissin Piccarda, in ähnlicher Weise bestand. 
Erwägt man diese doppelte Beziehung, so wird einerseits 
die Verehrung des Dichters erklärlich, die ihn der heiligen 

* 115 



Clara eine so bedeutsame Stellung am Schlüsse der Com* 
media einräumen ließ, und andererseits sein Gedanke an 
die menschliche Schwäche seiner Freundin Piccarda, die der 
Vollkommenheit der Heiligen wohl nachzustreben ver* 
mochte, sie aber zu erreichen nicht imstande war. — Macht 
der Bedeutungsname Beatrice, den die heilige Ordensstif* 
terin und auch das einstige Mitglied ihres Ordens trägt, nicht 
den Eindruck eines Bandes, mit welchem der Dichter das 
von Piccarda Erstrebte an das von ihrem heiligen Vorbilde 
Erreichte anknüpft, — leitet er nicht das unvollkommene 
Verdienst der Beatrice*Piccarda über und läßt es poetisch 
aufgehen in dem vollkommenen Verdienst der Beatrice* 
Clara? Und hat Dante nicht auf diese Weise — ohne die 
Geliebte seiner Jugendjahre ungebührlich zu erheben — 
auch von ihr gesagt, was noch nie von einer Frau gesagt 
wurde? 



DANTES ZWEITE GELIEBTE 

Mira quant'ella è pietosa ed umile, 
Saggia e cortese nella sua grandezza. 

Wie Dante-in seinem Convivio (II, 6, 9) sagt, fließt aus 
der Bewegung des Venushimmels eine gewaltige Liebesglut, 
an der sich die Herzen hier unten entzünden ; die Intelli* 
genzen dieses Himmels übertragen ihren Einfluß von der 
aus dem Leben geschiedenen Seele, die nicht mehr ihrer 
Macht untersteht, auf eine noch im Leben stehende Seele. — 
Dante spricht aus Erfahrung. Eine neue Liebe erwachte 
bald nach dem Hinscheiden der ersten Geliebten in seinem 
Herzen. Wie das Sonett mit dem doppelten Anfang »In 
die Erinnerung war mir gekommen« (Kap. 34) durchblicken 
läßt, bestand die neue Liebe schon àm ersten Jahrestag nach 



116 



dem Tode der Beatrice*Piccarda, aber erst im Jahre 1293, 
wie aus dem Convivio (II, 2) zu ersehen ist 33 , erschien 
die edle Dame von Amor begleitet vor Dantes Augen; mit 
anderen Worten, erst in diesem Jahre erwachte auch in ihr 
die Liebe. Zwei Jahre lang hat also Dante schmachten müs* 
sen, bis seine Liebe Gegenliebe fand; eine lange, aber für 
sein poetisches Schaffen äußerst fruchtbare Zeit; davon 
gibt eine Menge von Gedichten Zeugnis, in denen er sich 
bald bitter über die Kälte und Unnahbarkeit dieses »harten 
Edelsteins« beklagt, bald in glühender Leidenschaft nach 
ihr verlangt, bald sich der neuen Liebe zu erwehren und 
an die Erinnerung der ersten Liebe (vergeblich!) anzuklam* 
mern versucht. 

Diese Geliebte tritt in der Vita Nuova in drei verschie* 
denen Rollen auf: im ersten Teil als eine ungenannte »edle 
Dame von gar lieblicher Erscheinung«, die Dante angebe 
lieh zur »Schutzdame« für seine wahre Liebe macht; im 
zweiten Teil, als Allegorie der irdischen Liebe, unter dem 
Namen Giovanna, mit dem Beinamen Primavera; im dritten 
Teil als eine ungenannte »edle Dame, jung und sehr schön«, 
in die Dante angeblich »einige Tage lang« verliebt war. — 
In der Commedia finden wir die nämliche Geliebte im ewi* 
gen Frühling des Gartens Eden wieder als Frau Matelda 3 *. 

Im ersten Teil der Vita Nuova (Kap. 5) erzählt der Dich* 
ter, wie er »an einem Orte, wo Gesänge zum Lobe der Kö* 
nigin der Glorie zu hören waren«, von seinem Platze aus 
die holdeste Beatrice sehen konnte, und zwischen ihr und 
ihm in grader Linie (per la retta linea) eine sehr schöne 
Dame ihren Platz hatte. Weil er nun öfter nach Beatrice 
schaute, so habe diese Dame, in der Meinung, seine Blicke 
gälten ihr, öfter zu ihm hergeschaut. Dies sei den Leuten 
so sehr aufgefallen, daß sie darüber redeten ; und das habe 

117 



ihn auf den Gedanken gebracht, die öffentliche Aufmerk* 
samkeit von seiner wahren Liebe abzulenken, indem ersieh 
stellte, als liebte er diese Dame. So habe er sie zum Schirm 
der Wahrheit (schermo de la veritate) gemacht und auch 
ein paar Gedichte für sie verfaßt. — Dieser Erzählung brau« 
chen wir keinen Tatsachenwert beizulegen; dergleichen 
Scheinhuldigungen, um der Gefahr, das Geheimnis des 
Herzens könne entdeckt werden, vorzubeugen, sind in der 
Minnepoesie der Provenzalen ein häufig vorkommendes 
erzählerisches Motiv. Was es aber mit dem Blickwechsel 
auf sich hat, das hat Dante später im Convivio (II, 10) 
verraten: Es ist zu beachten, daß, wenn auch mehrere Dinge 
zu gleicher Zeit in das Auge fallen, doch nur das wirklich ge* 
sehen wird, was in grader Richtung (per la retta linea) in die 
Pupille gelangt . . . Darum kann auch ein Auge das andere 
nicht sehen, ohne zugleich von ihm gesehen zu werden; denn 
so wie das hinschauende Auge die Form des Auges in grader 
Linie empfängt, so geht auch seine Form in grader Linie in 
das herschauende Auge. Gar häufig, wenn diese Linie 
hergestellt ist, schließt derjenige den Bogen ab, 
dem jede Waffe leichtist. Mit dem Blick in grader Linie 
hat sich Dante in die schöne Florentinerin verliebt, die er 
zu seiner Donna de lo schermo gemacht haben will; ihr 
gelten die drei Sonette (Kap. 14, 15, 16), deren leidenschaft* 
licher Ton himmelweit verschieden ist von der zarten Seelen* 
minne, die aus den, der BeatricesPiccarda gewidmeten 
Poesien klingt. — 

Im dritten Teil (Kap. 35) kehrt der Blickwechsel in gra* 
der Linie wieder, nur spielt die Szene nicht in einer Kirche, 
und der Erfolg ist der, daß nicht nur der Hinschauende, 
sondern auch die Herschauende von Amors Pfeil getroffen 
wird. — Eine edle Dame schaut voller Mitgefühl von einem 

118 



Fenster zu dem von schmerzlichen Gedanken bewegten 
Dante herüber; der Blick aus ihren schönen Augen macht 
einen so tröstenden Eindruck auf sein Herz, daß er von da 
an trachtet, dieses Trostes möglichst oft teilhaftig zu wer* 
den. Eines Tages macht er aber die Entdeckung, daß seine 
Augen anfingen, allzuviel Wohlgefallen an dem Anblick der 
holden Dame zu finden. — Der Dichter läßt diese Liebe ein 
unwahrscheinlich jähes Ende finden. Eines Tages — so er* 
zählt er — erschien ihm in einer lebhaften Imagination die 
verklärte Beatrice, in jugendlicher Gestalt und in blutrotem 
Kleide, so wie er sie zum erstenmal gesehen hatte; da er* 
griff ihn bittere Reue wegen dem abscheulichen Verlangen, 
das ihn einige Tage lang beherrscht hatte, und er wandte 
von da an all seine Gedanken wieder ausschließlich der hol* 
desten Beatrice zu. — Mit der »bitteren Reue« scheint es 
nicht weit her gewesen zu sein, und das »abscheuliche Ver* 
langen« hat jedenfalls länger als einige Tage gewährt, wie 
schon aus der Schilderung seines Entstehens und mächtigen 
Anwachsens (Kap. 35—38) erhellt. Der ganze gewaltsame 
Abschluß der Liebesaffäre ist ein bißchen poetisches Ge* 
flunker, das dazu dienen soll, der Vita Nuova zu einem 
würdigen Abschluß zu verhelfen. Wie es sich in Wirklich* 
keit mit der neuen Liebe verhielt, erfahren wir aus dem 
Convivio; da ist weder von ihrer kurzen Dauer, noch von 
einem Sieg der Erinnerung an die verklärte Beatrice die 
Rede. Im Gegenteil! Dort lesen wir: Es war nach dem Heim" 
gang jener seligen Beatrice, die im Himmel bei den Engeln 
und auf Erden in meiner Seele weiterlebt, daß die edle Dame, 
deren ich am Ende der Vita Nuova Erwähnung tat, zum 
erstenmal, von Amor begleitet, vor meinen Augen erschien 
und in meinem Denken einigen Platz einnahm. Und wie ich in 
dem genannten Büchlein erzählte, war es mehr ihr holdseliges 

119 



Wesen, als meine freie Wahl, was mich dahin brachte, daß ich 
mich entschloß, der ihrige zu sein. Denn sie zeigte sich so er' 
griffen von Mitleid mit meinem verwaisten Leben, daß sich 
die Geister meiner Augen gar sehr zu ihr hingezogen fühlten 
und in dieser Stimmung mich dahin brachten, daß auch mein 
inneres Wohlgefallen einstimmte, sich ihrem Bilde zu widmen. 
Da aber Liebe nicht plötzlich entsteht, wächst und vollkom» 
men wird, vielmehr einiger Zeit und Gedankennahrung be* 
darf— insbesondere, wenn entgegengesetze Gedanken sie be» 
hindern — so kam es, daß, ehe diese neue Liebe vollkommen 
wurde, sich mancher Kampf abspielte zwischen dem Gedan* 
ken, der sie groß zog, und dem, der ihr entgegen stand und 
noch die Veste meines Geistes für jene glorreiche Beatrice 
verteidigte. Nun erhielt der eine Gedanke fortwährend Unter» 
Stützung durch das, was er vor sich sah, der andere durch 
die rückschauende Erinnerung. Die Unterstützung durch das 
Vorwärtsschauen nahm aber bei dem einen Gedanken täglich 
zu, während dies bei dem anderen nicht der Fall war, weil 
ihn jener am Zurückschauen hinderte. Das schien mir so 
wunderbar und doch auch so hart zu ertragen, daß ich es 
nicht aushalten konnte . . . 

Die zweite Geliebte, deren Holdseligkeit Dante zu dem 
Entschluß brachte, der ihrige zu sein, hieß Gemma Donati 
und wurde Dantes inniggeliebte Gattin. Harte innere 
Kämpfe hatte Dante durchzumachen, bis er die Geliebte 
heimführen konnte; früher war er ganz erfüllt von dem Ge* 
danken an Piccarda, die mit seiner Seele eins geworden war, 
ein Gedanke, der ein Stück von seinem Leben zu sein schien 35 ; 
sie hatte ihm den Weg zum contemplativen Leben gezeigt, 
der da lehrt, ein Gut zu lieben, darüber man nichts Höhres 
kann erstreben, und es muß, bei der mystisch religiösen Be* 
anlagung Dantes, sein Gewissen schwer bedrückt haben, 

120 



daß das neue heiße Begehren nach der schönen Gemma die 
Erinnerung an Beatrice, d. h. an seine guten Vorsätze reli* 
giöser Art, zu verdrängen begann. Es scheint aber, daß der 
Gedankenzwiespalt mit einer besonderen Verpflichtung in 
Zusammenhang stand, an die Dante sich gebunden wußte. 
Hat etwa Dante früher einmal, etwa zur Zeit, als seine Ge* 
liebte in das Kloster floh, ein Gelübde getan, dessen Gegen* 
stand ein Ehehindernis in sich schloß? — Die Annahme, 
daß ein solches Gelübde bestand, hat allerdings nur innere 
Gründe für sich und kann sich nicht auf Dokumente oder 
Berichte stützen. Daß die Tradition nichts davon weiß, ist 
übrigens erklärlich ; von einem Gott gegebenen Verspre* 
chen schweigt man und läßt nichts davon in die öffentlich* 
keit dringen, so daß es kaum zu verstehen wäre, wie etwas 
davon hätte bekannt werden können. Immerhin kann sich 
meine Annahme, wenn auch eine direkte äußere Bezeugung 
fehlt, auf eine Eröterung in der Commedia stützen : Im vier* 
ten Gesang des Paradiso fragt Dante seine Führerin, ob 
man für den Gegenstand eines verfehlten Gelübdes durch 
einen anderen Gegenstand genügenden Ersatz leisten könne. 
Beatrice beantwortet diese Frage ausführlich dahin, daß das 
Gelübde selber, als ein Gott aus freiem Willen gegebenes 
Versprechen, nicht aufgehoben werden könne. Zwar könne 
der Gegenstand des Gelübdes unter Umständen durch 
einen anderen ersetzt oder vertauscht werden, es dürfe aber 
niemand die auf seinen Schultern liegende Last nach eigener 
Willkür verwandeln ; das Recht'dazu habe allein die geist* 
liehe Obrigkeit, ohne deren Dispens die übernommene Ver* 
pflichtung nicht erlassen werden könne; auch müsse ein Er* 
satz für den Gegenstand des Gelübdes geleistet werden, 
dessen Wert sich zu jenem wie sechs zu vier verhalte 36 . ~ 
Wenn für Dante infolge eines Gelübdes ein Ehehindernis 

121 



vorlag, und er wollte seine Gemma heiraten, so mußte er also 
die kirchliche Dispens einholen, und es mußte ihm als Er* 
satz eine andere noch schwerere Verpflichtung auferlegt 
werden. Wenn wir annehmen dürften, die kirchliche Ent* 
Scheidung habe dahin gelautet, er möge heiraten, müsse aber 
nach einer bestimmten Zeit (nach 25 Jahren?) die eheliche 
Gemeinschaft aufgeben und sich einem mehr contemplativen 
Leben widmen, — so würde damit aufgeklärt, warum Dante, 
als er sich in den letzten Jahren seines Lebens (von 1316 
oder 1317 an) bleibend in Ravenna niedergelassen, und 
seine Kinder Pietro, Jacopo und Beatrice bei sich hatte, ge* 
trennt von seiner, in Florenz mit der Tochter Antonia zu* 
rückgebliebenen, Gattin lebte. — Die Richtigkeit der An* 
nähme wird durch ein Kapitel der Vita Nuova bestätigt, 
welches leicht verständlich ist, wenn man das Gelübde und 
die kirchliche Dispens als feststehende Tatsache voraus* 
setzt, dessen Sinn aber ohne diese Voraussetzung meines 
Erachtens nicht erklärt werden kann. 

Im zweiten Teil der Vita Nuova erzählt das 23. Kapitel 
von schrecklichen Vorstellungen, die eine fiebernde Phan* 
tasie dem erkrankten Dichter vorgaukelt. Von fast uner* 
träglichen Schmerzen gepeinigt, denkt Dante über die Hin* 
fälligkeit seines Lebens nach und kommt auf den Gedanken: 
-»es ist unvermeidlich, daß auch die holdeste Beatrice einmal 
stirbt.« Das bringt ihn so außer Fassung, daß er alle Über* 
legung verliert, und sich wirren Einbildungen über den 
Tod der Geliebten überläßf, Äie ihn so weit führen, daß er 
sie tot daliegen sieht. — Der ganze weitausgesponnene 
Traumwahn scheint eine Allegorie des krankhaften Gemüts* 
zustandes zu sein, in welchem sich Dante befand, als er noch 
nicht wußte, wie das Dilemma zwischen Herzenswunsch 
und religiöser Verpflichtung enden werde; er befürchtet, 

122 / 



mit dem Tod der Beatrice, d. i. mit dem Verlust seiner re* 
ligiösen Liebe, seinen eigenen geistigen Tod. Aber er er* 
wacht, oder vielmehr er wird geweckt aus seinem Irrtum 
und sieht mit dankbarem Gefühl, daß seine Befürchtung 
nur ein Wahn war. — Unmittelbar daran schließt sich das 
seltsame 24. Kapitel, welches die Lösung bringt; eine fein* 
sinnige Allegorie gibt Bericht, wie sich der Zwiespalt zwi* 
sehen Wunsch und Gewissen ordnete: 

Eines Tages, als Dante in Gedanken vertieft dasitzt, 
spürt er plötzlich, wie sein Herz erzittert, grade so wie 
immer, wenn diese Dame in der Nähe ist. Da drängt sich 
ihm die Vorstellung auf, das Gefühl der irdischen Liebe 
(Amor) käme von dort, wo seine Herrin war, und spräche 
freudig in seinem Herzen: »Gedenke den Tag zu segnen, 
an dem du mir untertänig wurdest.« Die Liebe macht sein 
Herz so froh, daß es ihm gar nicht sein eigenes Herz zu sein 
scheint, so neu und ungewohnt ist ihm seine heitere Stirn* 
mung; und er sieht nun im Geiste eine edle Dame von be* 
rühmter Schönheit auf sich zukommen, die früher die An* 
gebetete seines besten Freundes war 37 . Ihr Name war Gio* 
vanna, sie wurde »aber ihrer Schönheit wegen, wie manche 
glauben«, Primavera (Frühling) genannt. Ihr nachfolgend 
kam die wunderbare Beatrice. Beide Frauen kamen -—ein 
Wunder nach dem andern — auf Dante zu, und die Liebe in 
seinem Herzen sagte ihm : Die erste wird nur des heutigen 
Kommens wegen Primavera genannt, denn prima verrà (sie 
wird zuerst kommen) dann, wenn Beatrice sich zeigt, nach' 
dem die falsche Vorstellung ihres Getreuen vorüber ist. Ihr 
Name Giovanna aber bedeutet dasselbe wie prima verrà, denn 
er kommt her von jenem Giovanni (Johannes dem Täufer), 
der dem wahren Lichte vorausging und sagte: »Ich bin die 
Stimme des Rufenden in der Wüste; bereitet den Weg des 

123 



Herrn.« — Was sagen diese bedeutsamen Gefühlsworte in 
Dantes Herzen, woher diese freudige Erkenntnis? Ich meine, 
sie seien verursacht durch die Entscheidung der kirchlichen 
Obrigkeit: Zuerst komme die eheliche Liebe; ihr aber folge 
das wahre Licht der himmlischen Liebe! Die Frauenliebe 
soll der Gottliebe, das eheliche Leben dem contemplativen 
Leben den Weg bereiten. Hatte die Kirche so entschieden, 
so konnte Dante als Getreuer der Beatrice, frei von Gewiss 
sensskrupeln und fröhlichen Herzens den Ehebund mit der 
»Zuerstkommenden«, Primavera, schließen, — aber einge* 
denk dessen, daß er später zu dem wahren Licht der Bea* 
triceliebe zurückkehren müsse. — Nach meinem Dafür* 
halten ist dies die einzig mögliche Erklärung dieses alle* 
gorischen Kapitels. ■— 

Daß Dantes Ehe mit der schönen »verständigen und bei 
all ihrer Grandezza bescheidenen und liebenswürdigen« 
Gemma die Aufgabe erfüllt hat, dem wahren Licht den Weg 
zu bereiten, zeigt das herrliche Denkmal, das Dante seiner 
geliebten Gemma in der Commedia errichtet hat. Dort 
(Purg. XXVIII) wandelt, als einzige Bewohnerin des irdi* 
sehen Paradieses, singend und blumenpflückend, eine ein* 
same lieberfüllte Frau; kein Schatten, sondern einlebendes 
Wesen. Diese frühlingsgleiche »Matelda« ist das Sinnbild 
der vollkommenen irdischen Liebe, verkörpert in Dantes 
Gattin. Sie, deren Liebreiz einst Dante von der mentalen 
Beatriceliebe abgezogen hatte, ist ihm hier eine liebreich 
sich betätigende Helferin, die ihn der mystischen 
Beatrice wieder zuführt. 



124 



Ohne die Idealfigur der Mateida wäre die dreipersönliche Liebe in 
dem Hauptwerke des Dichters nicht vollständig vertreten, weil neben 
der Beatrice des himmlischen Paradieses und der Beatrice des irdi* 
sehen Paradieses die dritte (irdische) Beatrice fehlt und aus der Vita 
Nuova herübergeholt werden muß. Dieser Mangel, in dem man 
einen künstlerischen Formfehler erblicken müßte, ist dadurch be* 
hoben, daß Dante die hypostatische Bedeutung seiner ersten ver« 
storbenen Geliebten auf seine zweite lebende Geliebte und Gattin 
übertragen hat, die nun in der Commedia die Stelle der dritten 
Person übernimmt und die Dreiheit vervollständigt. Die Matelda im 
irdischen Eden ist »Liebe erweckende Person und Beseligerin ir* 
discher Natur« ebensogut wie die Beatrice der Vita Nuova, ist aber 
in einem anderen gedanklichen Zusammenhang wie diese aufgefaßt. 
Ohne Beziehung auf die Neunheit, liegt ihre Bedeutung in der Gegen* 
überstellung zu Beatrice, zu der sie sich, als gleichberechtigte Schwe* 
ster, verhält, wie die werktätige zur beschaulichen Liebe und wie 
die irdische zur himmlischen Vollkommenheit. 

Es ist ungemein charakteristisch für Dantes spekulative Gedanken* 
gänge, daß er später in seinem Convivio den beiden Geliebten neben 
der wörtlichen eine allegorische Bedeutung beigelegt hat. Er deutet 
dort (im zweiten Traktat) die von ihrem Fenster zu ihm herüberschau* 
ende Donna pietosa der Vita Nuova als Philosophie, und (im dritten 
Traktat) die ungenannte, aber bei näherem Hinschauen leicht kenn* 
bare Beatrice als Theologie. Die der geistigen Elastizität Dantes nahe* 
liegende (aber manchen Danteforschern, wie es scheint, um so unver* 
ständlichere) Ideenverbindung, die diese Allegorisierungveranlaßte, 
ist offenbar folgende: Da Dante in seiner Beatrice*Liebe eine Ver* 
wandtschaft mit der religiösen, geistigen Liebe sah, so mußte er 
folgerichtig in seiner Gemma*Liebe eine Verwandtschaft mit der 
weltlichen, natürlichen Liebe erblicken. Diese beiden Arten von 
Liebe stehen aber in dem gleichen Verhältnisse zueinander wie kon* 
templatives und bürgerliches Leben — wie Sapienza und Scienza — 
wie Gottesweisheit und Weltweisheit — wie Kirche und Staat — 
wie Papsttum und Kaisertum. Das Gleichgewicht der päpstlichen 
und kaiserlichen Macht, auf dem Dantes politisches System beruht, 
hat er auch auf sein Innenleben bezogen, in welchem die göttliche 
Liebe als Papst, die menschliche als Kaiser herrschte ; und da nach 
Dantes Anschauung der Kaiser für alles Irdische und mit der Ver* 

125 



nunf t Erreichbare die Oberleitung hat, so lagen für ihn Weltweisheit 
und irdische Liebe so nahe beisammen, daß sich eine allegorische 
Umdeutung der irdischen Geliebten in die Philosophie wie von 
selbst ergab. 

Ich erwähne hier die allegorische Deutung der Donna pietosa 
nur deshalb, weil so viele Wissenschaftler aus ihr folgerten, Dantes 
mitleidige Fensternachbarin habe gar keine reale Existenz, son* 
dem sei nur als die Philosophie aufzufassen. Solcher hölzerner 
Verständnislosigkeit gegenüber genügt es, darauf hinzuweisen, daß 
Dante im Convivio (1, 1) ausdrücklich sagt, daß er keineswegs im 
Sinne habe, irgend etwas von der Vita Nuova zurückzunehmen 
(non intendo però a quella in parte alcuna derogare). Wir können 
also getrost daran festhalten, daß nicht die Philosophie aus dem 
Fenster des palazzo Donati herübergeschaut hat, sondern ein leben« 
diges Frauenwesen namens Gemma. 



126 



ERKLÄRUNGEN ZU EINZELNEN 
KAPITELN DER VITA NUOVA 

KAPITEL 1 
Neunmal schon war seit meiner Geburt der Lichthimmel . . . 
zu dem nämlichen Punkte zurückgekehrt, als meinen Augen 
zum erstenmal die glorreiche Herrin meines Geistes erschien, 
die von vielen, die nicht wußten, wie sie zu nennen sei, Bea= 
trice genannt wurde. 

In diesem Leben war sie schon so lange gewesen, daß . . . 
sie mir ungefähr am Beginne ihres neunten Jahres er* 
schien, und ich erblickte sie ungefähr am Ende meines neunten 
Jahres. 

Der erste Satz spricht von der Liebe, der zweite Satz 
von der Geliebten. Die »glorreiche Herrin« ist die an 
sich unsichtbare Liebe, die hienieden dem Auge in der die 
Liebe entzündenden Person sichtbar wird. Beide verschmel* 
zen zwar bei Dante, der in der Geliebten wie Guido Guini* 
celli 38 eine Inkarnation der Liebe sieht, in dem gemein* 
samen Namen Beatrice; damit wird aber der begriffliche 
Unterschied von Liebe und Geliebte nicht aufgehoben. 
Eine Bestätigung dafür finden wir in einer Kanzone 3 ° unseres 
Dichters, in welcher er von dem Eindruck spricht, den die 
in der Vita Nuova geschilderte erste Begegnung mit Bea* 
trice auf seine Lebensgeister gemacht hatte: 

Am Tag, da Jene in die Welt gekommen, 

— wie man's beschrieben findet 
im Buche von der Seelenkraft, die schwindet — 
da ward mein jugendliches Ich ergriffen 

von einer neuen Regung, 
so daß ich dastand voller Bangigkeit. . . 

127 



Da man nicht gut annehmen kann, daß an jenem Tage die 
kleine BeatricesPiccarda zur Welt gekommen sei und Dante 
sich also in ein neugeborenes Kind von acht Jahren verliebt 
habe, so ist es klar, daß »Jene« nur die glorreiche Herrin 
Liebe sein kann 40 , die durch ihre Inkarnation in dem lieb* 
liehen achtjährigen Kinde das überraschte Herz des kleinen 
Dante in selige Bangigkeit versetzte. 

Der seltsame Nachsatz : die von vielen, die nicht wußten, 
wie sie zu nennen sei, Beatrice genannt wurde, kann sich nur 
auf die Liebe, nicht aber auf die jugendliche Geliebte be* 
ziehen; es lag aber offenbar nicht in der Absicht des Dich* 
ters, sich klar darüber auszusprechen und die Liebestheo* 
rien der Trovatori auseinanderzusetzen. Unmöglich kann 
die kleine Geliebte Beatrice geheißen haben, denn wäre 
dies der Fall gewesen, dann wäre sie nicht von vielen so 
genannt worden, die ihren Namen nicht wußten. Bezieht 
man aber den Nachsatz auf die Herrin Liebe, so ist der 
Sinn klar und einleuchtend, denn es ist eine allgemein be* 
kannte Tatsache, daß ,wer zum erstenmal von Liebe ergriffen 
wird, nicht weiß, wie das bisher unbekannte Gefühl ge* 
nannt wird. Es ist für ihn ein geheimnisvolles Glück, ein 
neues Leben, dasselbe Beseligende, das auch den kleinen 
Dante erfaßte, und das dieser — später — mit einem Worte 
benannte, das zugleich Bedeutungsname »Beseligerin« und 
Frauenname »Beatrice« ist. 

KAPITEL 3 
Als Piccarda Donati in den Ciarissenorden eintrat, war das 
Ende für die heiße Herzensminne gekommen, die, sollte die 
Liebe nicht ganz aufhören, sich in eine wunschlose Seelen* 
minne verwandeln mußte. Dies hat der Dichter in einer 
Allegorie ausgedrückt. Piccarda erscheint ihm im symbo* 

128 



lischen weißen Gewand der Seelenminne, als Braut Christi, 
begleitet von zwei Frauen vorgerückteren Alters 41 , und sie 
grüßt Dante. Der Gruß spricht deutlich zu Dantes Seele 
und weckt einen Gedanken, von dem, berauscht, ersieh zu* 
rückzieht, um nachzudenken. Ein sanfter Schlummer bringt 
ihm eine Vision, die ihm die veränderte Situation vor Augen 
führt. Er sieht den roten Amor, der in fröhlicher Stimmung 
ist, die sich nachher in bitterliches Weinen verwandelt: 
Allegorie seines eigenen Liebesgefühles. Das blutrote Tuch, 
das die Schlafende leicht bedeckt, deutet an, daß Piccarda 
den Erdenrest ihrer Liebe zu Dante noch nicht ganz über* 
wunden hat; das Verzehren des Herzens 42 mit dem darauf* 
folgenden Entschwinden gen Himmel will besagen, daß 
sie das Herz des Geliebten mit sich emporziehen will in ein 
der Gottesminne geweihtes Leben, — also dasselbe, was 
auch ihr Gruß, für Dante hörbar, ausgesprochen hatte. 

KAPITEL 8 
Der Herr der Engel beruft eine junge Dame von gar hol* 
der Erscheinung, die in Florenz hochgeschätzt wurde, zu 
seiner Glorie. — Es ist auffallend, daß der Dichter den Tod 
einer Dame, die scheinbar gar nichts mit seinem Liebes* 
leben zu tun hat, in seinem Büchlein erwähnt, und zwar 
nur deshalb, weil er sie öfter der Holdesten hatte Gesell* 
schaft leisten sehen. Seltsam ist es auch, daß er der Verbli* 
chenen zwei Sonette widmet, die manchen, auf den Tod der 
Beatrice verfaßten Gedichten zum Verwechseln ähnlich 
sehen. Davon, daß er sie öfter mit seiner Herrin gesehen, 
will der Dichter einiges andeuten in dem letzten Teil der 
Worte, welche ich darüber dichtete, wie es sich offenkundig 
dem zeigt, der es versteht. — Der letzte Teil dieser Worte 
lautet: 



9 Dante 



129 



Wer diese Frau war, deut' ich einzig an 

durch Eigenschaften, die von ihr bekannt sind: 

wer nicht des Grußes würdig, 

der hoffe nie, daß ihr Geleit ihm werde. 

Das nämliche sagt aber der Dichter auch von Beatrice, in 
der ersten Kanzone (Kap. 19): 

Und trifft sie jemand, ihres Anblicks würdig, 
der fühlet ihre Macht: ihm wird zuteil, 
daß sie mit ihrem Gruße ihn beschenkt. . . 

Desgleichen in einem seiner Sonette (»Di donne vedi una 
gentile schiera«) : 

Dem, der des würdig war, gab sie den Gruß 
mit ihren Augen, diese Güt'ge, Sanfte, 
sein Herz mit aller Kraft erfüllend . . . 

Für den, »der es versteht«, wird es sich demnach »offen* 
kundig zeigen«, daß der »letzte Teil der Worte« auf die 
Herrin des Heilsgrußes, die Donna della»salute, hindeutet^ 
ohne ihren Namen — Beatrice — zu nennen. Der Einwand, 
daß, wenn hier vom Tode der Beatrice die Rede wäre, sie 
in der Vita Nuova zweimal gestorben sein müsse (hier und 
im Kap. 28), ist richtig, beweist aber nichts gegen die Tat* 
sache. Ihr Tod ist hier, im ersten Teil des Büchleins, so ver* 
hüllt, daß kaum jemand zu erkennen vermochte, wer die 
Verstorbene war; und so konnte Dante im zweiten Teil 
nochmals von ihrem Tode, diesmal klar und deutlich be* 
richten. — Daß Beatrice die verstorbene Person ist, zeigt 
sich auch darin, daß von da an der erste Teil der Vita 
Nuova von der zweiten Liebe Dantes handelt; die leiden* 
schaftliche Herzensminne tritt nun auf und gewinnt an 

130 / 



Macht, während die Seelenminne dahinstirbt — vien meno — 
was, wie wir wissen, erst nach dem Tode der Beatrice* Pie* 
carda der Fall war. 

KAPITEL 11 
Die mystische Theologie weiß von Vorgängen des höhe* 
ren religiösen Innenlebens, bei welchen die Seele spontan 
wie von einem Liebesrausch (raptus) ergriffen wird, der 
sich bis zur Ekstase steigern kann, und wobei manchmal 
durch das innere Gehör eine geistige Einsprache vernom* 
men wird. Solche mystische Wirkungen schreibt Dante (wie 
auch aus dem zweiten Kapitel zu ersehen ist) dem »Gruß« 
der Beatrice zu. Das Wort »salute« hat eine doppelte Be* 
deutung: »Gruß« und »Heil«. Wie aus den Worten: wenn 
dieses holdeste Heil grüßte (quando questa gentilissima sa* 
Iute salutava) hervorgeht, ist unter der grüßenden Beatrice 
die heilspendende Liebe zu verstehen. 

KAPITEL 12 
Tiefbetrübt, weil ihm Beatrice den Gruß verweigerte, ist 
Dante eingeschlafen und erhält von dem Gefühl seiner 
überlegenden seelischen Liebe (dem weißgekleideten Amor) 
in einer Vision die Belehrung, daß die falschen Vorspiege* 
lungen von Liebe (ein Spiel mit dem Feuer, bei dem man 
sich leicht verliebt) von nun an aufhören müssen; er er* 
kennt, daß ihm selber die Harmonie der Liebe fehlt, bei der 
alle Teile der Peripherie sich in gleicher Weise zu ihrem Zen* 
trum verhalten ; d. h. sinnlich* weltliche und übersinnlich*reli* 
giöse Liebe sind (wie Staat und Kirche) zwei Machtbereiche, 
die nebeneinander bestehen, sich aber nicht gegenseitig be* 
einträchtigen dürfen, wie es bei ihm bisher der Fall war. 
Darum muß er sich über sein Liebesleben klar werden 

9* 131 



(seine Gedanken in einem an Beatrice gerichteten Gedicht 
aussprechen) und erkennen, daß, wenngleich ihn die Liebe 
zur Frauenminne zwinge, er doch der Gottesminne treu 
bleiben könne und müsse. 

KAPITEL 13 
Dantes Liebe zu der armen Piccarda war, fern allem Be* 
gehren, eine schwärmerische, platonische Verehrung, deren 
reines, ruhiges Licht sein Leben erleuchtet hatte. Erst als 
die schönen Augen der Gemma Donati einen Feuerbrand 
in sein Herz geworfen, erlebte er die ganze Skala von er* 
hebenden und niederdrückenden, süßen und bitteren Ge* 
fühlen, über die er sich viele und verschiedenartige Gedanken 
machte. Die blonde Gemma war nicht wie andere Frauen, 
die leicht ihr Herz verschenken ; ihre jungfräuliche Herbheit 
war so »erbarmungslos«, gar nicht zu bemerken, wie heiß 
sie im Stillen geliebt wurde. Dante mußte, wie schon er* 
wähnt, lange warten, bis er Gegenliebe fand; und da jedes* 
mal, wenn er seine Angebetete sah, in seinem Herzen ein 
»Erdbeben« anhob, das ihn der Fassung beraubte, so scheint 
er während der zwei Jahre (1291—1293) in ihrer Gegen* 
wart eine recht unglückliche Rolle gespielt zu haben. 

KAPITEL 14 
Dante wird von einem Freunde zu einem Hochzeitsmahle 
geführt und erblickt dort unter den geladenen Frauen die 
holdeste Beatrice (la gentilissima beatrice). Bevor noch 
seine Augen sie gesehen, zittert er schon am ganzen Leibe, 
und nun verlor er, einer Ohnmacht nahe, so sehr die Herr* 
schaft über seine Sinne, daß seine Augen nicht imstande 
waren, das Wunder dieser Frau (la maraviglia di questa 
donna) zu sehen und nur seine Liebe an Stelle seiner Augen 

132 



die wunderbare Herrin (la mirabile donna) betrachtete. Es 
wurde ihm also, wie wir zu sagen pflegen : schwarz vor den 
Augen. Viele der anwesenden Damen bemerkten, wie ent* 
stellt er in seiner jammervollen Fassungslosigkeit aussah, 
und spöttelten im Gespräch mit der Holdesten (con questa 
gentilissima) darüber. — 

Diese Erzählung birgt wieder einmal eine Fülle von Uns 
Wahrscheinlichkeiten oder richtiger von absichtlichen Irre* 
führungen. Wie kommt die (verstorbene) Beatrice*Piccarda 
in die Gesellschaft der Frauen? Warum gerät Dante bei 
ihrem Anblick in die bemitleidenswerte Verfassung, in die 
ihn doch sonst nur die Nähe seiner zweiten Geliebten ver* 
setzt? Bei Begegnungen mit Beatrice ist (siehe den ganzen 
zweitenTeil der Vita Nuova) nie die Rede von Erregungszu* 
ständen, in denen er der Lächerlichkeit verfällt; im Gegen? 
teil, diese Beatrice übt einen solchen Zauber auf ihn aus, 
daß ihn ein Feuer, der Nächstenliebe ergreift, das ihn allen 
Stolz vergessen und jedem Feinde verzeihen läßt; ein Gefühl, 
in dem er die ganze Welt umarmen möchte. In der unvoll* 
endeten Kanzone (Kap. 27) schildert er, wie ihre Macht auf 
ihn einwirkte : Mild und süß wohnt die Minne in seinem 
Herzen ; wenn sie ihn aber überwältigt und aller Kraft be* 
raubt, dann fühlt seine Seele so große Wonne, daß er er* 
bleichend unter Seufzern seiner Herrin ruft, daß sie ihn 
heile; das widerfährt ihm, wo immer sie ihn sieht, und wirkt 
so sanft, daß man es kaum glauben kann; — von heißblü* 
tig*leidenschaftlicher Aufregung, die ihn den Kopf ver* 
lieren läßt, keine Spur! — Ferner: Daß die liebevolle, gü* 
tige, sanfte und demütige Piccarda mit den anderen Frauen 
über das verstörte Aussehen ihres Verehrers gespottet habe, 
das steht mit allem, was die Vita Nuova an einwandfreien 
Stellen über sie berichtet, in grellem Widerspruch; eine 

133 



spottende Beatrice, die sich mit anderen über jemand lustig 
macht, ist unmöglich! Wohl aber mag die stolze Gemma, 
in deren jungem Herzchen die Liebe noch nicht erwacht 
war, über das sonderbare Gebahren des Messer Dante gen 
spottet haben ; niemand wird sie darüber der Herzlosigkeit 
beschuldigen, sagt doch Dante selber 43 : 

Laß, Liebe, sie durch deine Huld erkennen 
mein mächtiges Verlangen, sie zu sehen, 

und gib nicht zu, daß sie 
bei ihrer Jugend mich zum Tode führe : 
denn noch gewahrt sie nicht, wie sie gefällt, 

nicht, wie so heiß ich liebe 
und daß in ihrem Blicke ruht mein Friede. 

Dies alles erwogen, kann es nicht schwer fallen, die hier in 
der Erzählung liegende Mystifikation zu durchschauen. 
Der Dichter spricht von der »wunderbaren Herrin« und 
von dem »Wunder dieser Dame«; ein Wunder ist aber die 
Liebe in jeder Beseligerin, in jeder Geliebten; dies beweist 
das Sonett im Kapitel 24 : 

Und Monna Vanna dann und Monna Bice 
sah zu dem Ort ich kommen, wo ich weilte, 
das eine (Liebes*) Wunder nach dem andern. 

(l'una appresso l'altra maraviglia). Und so verhält es sich 
auch mit »gentilissima beatrice« ; denn beatrice als Bedeu« 
tungsname (klein zu schreiben) kommt jeder Frau zu, die 
durch die Liebe beseligt, heiße sie Piccarda oder Gemma 
oder sonstwie. Allerdings ist die Bezeichnung hier irres 
führend, da gentilissima und beatrice in der Vita Nuova 
fast ausschließlich von der ersten Geliebten gesagt wird. 
Aber irrezuführen lag ja grade in der Absicht des Dichters, 

134 



der das Geheimnis einer zweiten Liebe nicht verraten 
wollte, — so hier wie überall in dem Büchlein. Unter dem 
Deckmantel »gentilissima beatrice« verbirgt sich also hier 
Gemma Donati, so befremdend dies auch auf den ersten 
Blick erscheinen mag. 

KAPITEL 15 

Was mir geschehen, entschwindet dem Gedächtnis, 
wenn ich euch sehe, holder Edelstein ... 

(Ciò che m'incontra nella mente more 

quand' i'vegno a veder voi bella gioia . . .) 

Gioia ist gleichbedeutend mit gemma, beides heißt Edel* 
stein oder Kleinod. Daß »bella gioia« hier ein Substitut 
für »bella Gemma« ist, wird wohl kaum jemand in Zweifel 
ziehen, der weiß, daß das Sonett an Gemma Donati ge* 
richtet ist 44 . 

KAPITEL 18 
Dante glaubt, in den drei Sonetten (Kap. 14, 15, 16) ge* 
nug von dem Zustand seines Herzens verraten zu haben 
und von nun an entweder schweigen oder einen neuen und 
edleren Stoff für seine Dichtungen suchen zu sollen. Wie 
er zu seinem neuen Stoff kam, berichtet uns eine reizende 
Erzählung : Der einsam wandernde Dante gerät zufällig in 
eine heitere Gesellschaft schöner Florentinerinnen, die ihn 
wegen seiner sonderbaren Liebe, die »die Gegenwart der 
Geliebten nicht ertragen kann«, ins Verhör nehmen. Als 
ich bei ihnen angelangt war und sah, daß meine holdeste 
Herrin nicht in ihrer Gesellschaft weilte, war ich beruhigt, 
und fragte sie, was sie wünschten. Die Worte »meine hol* 
deste Herrin« sollen bei dem Leser die Meinung erwecken, 

135 



es handle sich um Beatrice, während in Wirklichkeit Dante 
sich beruhigt fühlte, weil Gemma sich nicht in der Gesell* 
schaft befand. Es ist die nämliche absichtliche Irreführung 
wie vorher im Kapitel 14. 

Die versammelten Damen, von denen jede schon vielen 
»Niederlagen« Dantes beigewohnt hatte, wußten, wie es 
um sein Herz stand, und auch die drei Sonette waren ihnen 
bekannt, in denen er geschildert hatte, wie es ihm beim 
Anblick seiner Geliebten zu ergehen pflegte. Auf die Frage, 
worin seine Seligkeit bestehe, antwortete Dante: »In den 
Worten, die meine Herrin preisen« ; darauf konnte ihm die 
Wortführerin mit Recht erwidern, daß seine Antwort nicht 
dem Inhalt jener Sonette entspreche; denn diese enthalten 
weder von Glückseligkeit noch von dem Preis der Herrin 
eine Silbe. Das Gespräch mit den Damen veranlaßt dann 
den Dichter, als nächsten und edleren Stoff das Lob der 
Beatrice zu wählen. 

KAPITEL 30 
Nachdem diese Frau aus der Welt geschieden war, blieb 
die ganze oben erwähnte Stadt (Florenz) wie verwitwet und 
aller Würde beraubt zurück. Und darum schrieb ich, noch 
weinend, in dieser schwer geschädigten Stadt an die Ersten 
des Landes über ihren Zustand . . . Hat Dante in seinem 
Briefe an die Ersten der Stadt den Zustand der geschädig* 
ten Stadt dem Tode seiner Geliebten zugeschrieben? Sicher* 
lieh nicht. Wir wissen zwar nicht, wie Dantes Schreiben 
lautete, dürfen aber als gewiß annehmen, daß darin nicht 
von Beatrice, sondern nur von den traurigen Zuständen 
der Stadt die Rede war. Wie der Florentiner Chronist Vii* 
lani berichtet, war die Zeit von 1283 bis 12S9 die denkbar 
glücklichste für die Stadt Florenz und ihre Einwohner. Dann 

136 



begannen die unseligen Spaltungen zwischen Volk und 
Adel, und später der Parteihader zwischen den Weißen 
und Schwarzen, die allen erdenklichen Schaden für Fio* 
renz mit sich brachten. Als um diese Zeit, im Juni 1290, 
Beatrice*Piccarda starb, da sah Dantes Dichterphantasie in 
dem Hinscheiden der Geliebten und dem gleichzeitigen Ruin 
seiner Vaterstadt einen Zusammenhang, den die Vita Nuova 
dadurch zu Worte kommen läßt, daß sie jenes Schreiben afi 
die Herren der Stadt erwähnt. Dieser mehr gefühlte als ge* 
dachte Zusammenhang 45 liegt auch im 

KAPITEL 40 
dem Sonett »O Pilger, die ihr in Gedanken gehet« zu* 
gründe. Pilger, die nach Rom wallen, ziehen durch die 
leiderfüllte Stadt Florenz, ohne von deren herbem Schick* 
sai gerührt zu sein ; sie scheinen nichts von ihrem politi* 
sehen Ruin zu wissen ; aber wenn sie Dante anhören woll* 
ten, so würde er sie durch seine Worte über das Unglück 
der Stadt zu Tränen rühren, denn: »Sie hat verloren 
ihre Beatrice« (d. h. ihr Glück). 



137 



ANMERKUNGEN 

1 (Seite 9) Es erschienen vollständige Übertragungen von C. von 
Oeynhausen, Leipzig 1824; K. Förster, Leipzig 1841 ; B.Jacobson, 
Halle 1877; J.Weege, Leipzig 1878; K. Federn, Halle 1897; Friedr. 
Beck, München 1903; O. Hauser, Berlin 1906; R. Zoozmann, Frei* 
bürg i. B. 1908. 

2 (Seite 58) D. i. in der provenzalischen und italienischen Sprache. 
8 (Seite 82) Dr. G. A. Scartazzini, Dante*Handbuch. Leipzig 1892. 
Seite 285. 

* (Seite 90) Franz Xaver Kraus, Dante. Berlin 1897. Seite 210. 

5 (Seite 90) a me convenne ripigliare materia nuova e più nobile 

che la passata. 

' (Seite 90) nuova materia che appresso viene. 

7 (Seite 91) »Betrachtet man die in der Vita Nuova erzählten äußeren 
Umstände, so stellen sie sich als eine sinnlose und planlos verzet* 
telte Reihe der verschiedenartigsten Zufälligkeiten dar« — so sagt 
Karl Vossler (Die göttliche Komödie, Heidelberg 1907. Seite 514). 

8 (Seite 91) Kapiteleinteilung haben weder die Handschriften noch 
die älteren Drucke ; sie ist Zutat eines späteren Herausgebers, findet 
sich aber in fast allen neueren Ausgaben und Übersetzungen. 

• (Seite 93) Vgl. Divina Commedia, Purgatorio XXI, 47 ff. 

10 (Seite 93) la selva erronea di questa vita. Convivio IV, 24. Vgl. 
Inferno I, 2. 

11 (Seite 93) Purgatorio XXX. 

" (Seite 91) Dante*Handbuch, Seite 180. 

18 (Seite 98) Der Pseudo?DionysiusAreopagita teilt die himmlischen 
Heerscharen in drei Hierarchien zu je drei Chören ein: 
I. Seraphim — Cherubim — Throne. 

II. Herrschaften — Kräfte — Mächte. 

III. Fürstentümer — Erzengel — Engel. 

14 (Seite 100) Zu dieser Erklärung bietet Paradiso 1, 104—117 die Er* 
gänzung. 

15 (Seite 101) Siehe Kapitel 38 der Vita Nuova. 

16 (Seite 102) Die menschliche Natur der verschleierten Braut gibt 
sich ganz folgerichtig für die einstige Geliebte, die Beatrice der Vita 
Nuova, aus. 

17 (Seite 102) Paradiso IV, 115-120. 

138 



12 (Seite 103) Er nennt sie (Paradiso III, 1): »Die Sonne, die mein 
Herz mit Liebe nicht erwärmte« und spricht (XXVIII, 12) von den 
»schönen Augen, die Amor zur Schlinge machte, mich zu fangen«. 

19 (Seite 105) In seiner Vorrede zum Dekameron erzählt Boccaccio, 
er habe von einer glaubwürdigen Person erfahren (si come io poi 
da persona degna di fede sentii), daß an einem Dienstagmorgen 
sieben junge Damen, die einander als Freundinnen oder als Nach* 
barinnen oder als Verwandte nahestanden, in der ehrwürdigen 
Kirche von Santa Maria Novella zusammentrafen, wo sie dem 
Gottesdienst in Trauerkleidern beigewohnt hatten ; keine von ihnen 
sei älter als achtundzwanzig, keine jünger als achtzehn gewesen 
usw., usw. — Auch hier wird man einen gelinden Zweifel an der 
»glaubwürdigen Person« nicht unterdrücken können. 

20 (Seite 106) Dante*Handbuch, Seite 187. Sieh auch G.Qietmann, 
S. J. Beatrice. Freiburg i.B. 1889. Seite 141 ff. 

21 (Seite 106) »Die Geschichte der Beatrice Portinari als der Ge* 
liebten Dantes ist eine hübsche Idylle, die es wert war, von einer 
geschickten Hand zu einem ganzen Roman ausgearbeitet zu werden : 
mehr als das ist sie in unseren Augen nicht.« F. X. Kraus, a. a. O. 
Seite 221. 

22 (Seite 108) La vista mia, che tanto la seguio, Quanto possibil fu... 
" (Seite 109) Siehe Frullani und Gargani, La Casa di Dante. Fi* 
renze 1865. 

24 (Seite 1 10) »If the Ottimo Commento is correct in the assertation 
that Piccarda was forced into marriage with Roselino della Tosa by 
Corso, while the latter was Podestà of Bologna, the incident must 
have taken place in 1283 or 1288, which were the years in which 
Corso held the office in Bologna.« Paget Toynbee, Dantc*Dictionary 
(Oxford'1898) Seite 249. 

28 (Seite 110) In der Vita Nuova heißt es, daß der Herr die Holdeste 
abberief, »daß sie lobsinge unter dem Banner der benedeiten Königin, 
Jungfrau Maria, deren Namen die selige Beatrice stets mit der tiefsten 
Ehrfurcht ausgesprochen« habe ; und in der Commedia singt Piccarda 
das Ave Maria.— DieVita Nuova sagt, daß die irdische Schönheit der 
Beatrice im Himmel zu einer hehren geistigen Schönheit ward ; und 
in der Commedia spricht Piccarda davon, daß sie schöner gewor* 
den sei, als sie bei Lebzeiten gewesen. — Die Vita Nuova erwähnt 
unter Beatriees Schönheiten die Perlenfarbe ihres Gesichtes ; und in 

139 



der Commedia erscheinen die Gesichtszüge der Picearda als ein 
schwaches Bild, kaum kenntlich, »wie eine Perle auf weißer Stirn«. 
[Non era forse la bianca fronte di monna Bice che gli si riaffacac« 
ciava alla mente? Certo in quel riflesso perlaceo sembrava all'ina» 
morato che trasparisse un lume di cielo . . .«Michele Scherillo, La 
Vita Nuova. Milano 1911. Seite XXXVII.] - Es ließen sich solcher 
Parallelen noch viele anführen. — 
28 (Seite 110) Kraus, a. a.O. Seite 140. 

27 (Seite 112) »Bensì si accompagna a Forese per lungo tratto di via 
sul monte del purgatorio : gli parla più amorevolmente che agli altri 
spiriti; gli ricerca da quanto tempo era morto, e com'esso lo avea pianto 
sovra la barra . . . Tutto il dramma fra Dante e Forese, le loro acco* 
glienze, e le loro esclamazioni: »O dolce frate, che vuoi ch'io di* 
ca?« e il loro congedo spirano affetti domestici e le memorie e il 
desiderio della consuetudine antica « Ferdinando Arrivabene, Il 
secolo di Dante. Udine. 1827. tom. II. 

28 (Seite 112) Dantes erster Freund Guido Cavalcanti war zur Zeit 
der Jenseitsreise (Ostern 1300) noch am Leben. 

19 (Seite 115) cioè che tutto è lo cotal pensare de la mia donna. — 
(Von den vielen deutschen Übersetzern der Vita Nuova hat nur 
Jacobson diese Worte sinngetreu wiedergegeben : »Daß all solches 
Denken mir durch meine holde Frau zuteil wird.«) 

80 (Seite 116) Perfetta vita ed alto merto inciela Donna più su . . . 

81 (Seite 116) Tu la vedrai Nel trono che i suoi merti le sortirò . . . 

82 (Seite 116) Die hi. Clara, geb. 1193 in Assisi, floh 18 Jahre alt, 
gegen den Willen ihrer Eltern, die sie verheiraten wollten, in das 
Kirchlein Portiuncula zu dem hl. Franz von Assisi und erhielt von 
ihm das Ordenskleid. Sie starb 1253 und wurde 1255 heilig gespro* 
chen. Den von ihr gegründeten Orden der Clarissinnen bestätigte 
1220 der Papst Honorius IL und gab ihm die strenge Regel der 
Benediktiner. 

88 (Seite 118) Siehe Dr. Constatin Sauter, Dantes Gastmahl, Frei* 

bürg i.B. 1911. Seite 146, Anm. 2. 

81 (Seite 118) Über die Identität dieser vier Frauengestalten siehe: 

Franz A.Lambert, »Matelda und Beatrice«, München 1913. S. 154 ff. 

88 (Seite 121) Convivio 11,7. III, 2. 

88 (Seite 122) Paradiso IV, 19-63. 

87 (Seite 124) Gemmas einstiger Verehrer Guido Cavalcanti war 

140 



schon als Knabe gleich anderen jungen Adeligen behufs Herstel* 

lung des Friedens zwischen Güelfen und Ghibellinen zur Ehe mit 

Beatrice, der Tocher des großen Ghibellinenführers Farniata degli 

Uberti bestimmt worden. Sie wurde seine Gattin. Kraus, a. a. O. 

Seite 144. 

88 (Seite 128) Donna ... si presso è il mio core Di vo, incarnato 

amore, che more di pietate . . . singt Guinicelli. 

88 (Seite 128) In der fünften Strophe der Kanzone »E'm'incresce di 

me.« 

40 (Seite 129) Auch Purgatorio XXXI, 108, wo es heißt: »Eh' Beatrice 
niederstieg zur Erde«, ist von der Liebe und nicht von der Geliebten 
die Rede. 

41 (Seite 130) »Wenn eine gottgeweihte Jungfrau Profeß ablegt oder, 
wie man sich ausdrückt, eingekleidet wird, so soll sie von einer im 
Alter bereits vorgerückteren verwandten Matrone, der Paranymphe, 
wie der kirchliche Ausdruck lautet, zu dem heiligen Akte hinzu« 
geführt werden.« Wetzer und Welte, Kirchenlexikon. 1848, Artikel 
»Braut«. 

42 (Seite 130) Ein von Dante der provenzalischen Minneliteratur 
entlehntes Motiv. 

48 (Seite 1 35) In der Kanzone »Amor che muovi tua virtù dal cielo«. 

44 (Seite 136) Über kabbalistische Kunstgriffe, die Dante anwendet, 
um Namen zu verbergen, siehe meine »Matelda und Beatrice«. 
Seite 5, 16, 59, 76 u. ö. 

45 (Seite 138) »Così Dante, questo »povero grande pazzo di poesia 
e d'amore,« come lo chiama Carducci, confondeva insieme, nella sua 
anima immensa l'amore per la donna e quello per la patria. L'an* 
goscia ineffabile ch'ei provava per la morte dell'una, si completeva 
col profondo accoramento pel fatale scadimento dell'altra ; e in 
quella pienezza di dolore ei trovava un cotale appagamento di* 
sperato. La duplice e contemporanea sciagura attutiva il dissidio 
che gli avrebbe straziato il cuore . . .« Scherillo, a.a.O. Seite 340. 



141 



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ters; in handbemaltem Pappband 2.00. 

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Illustrationen des Simplizissimus*Zeichners C. O. Petersen, in hand* 
bemaltem Pappband 2.00. — Der Dichter des berühmten »Golem« 
als genialer Humorist. 

Otto Julius Bierbaum, Leichtfertige Geschichten. Illustrationen 
von F. Christophe; in handbemaltem Pappband 2.00. Die lustigsten 
Geschichten Bierbaums. 

Peter Scher, Die Bruderschaft vom heiligen Wanst. Ernste und 
heitere Kriegssatiren ; in handbemaltem Pappband 2.00. 

Theodor Storm, Immensee. In handbemaltem Pappband 2.00. 
— Die berühmteste Novelle Storms, ein wirkliches Meisterwerk, 
trotz seines ungeheuren Erfolges. 

Pole Poppenspäler. Novelle von Theodor Storm. Diese be* 
kannte Novelle ist auch für Kinder geeignet ; in Pappband 2.00. 

Es waren zwei Königskinder. Novelle von Theodor Storm. 
In handbemaltem Pappband 2.00. Eine der schönsten Novellen 
Theodor Storms. 

Sophie Hoechstetter. Aus blauer Vergessenheit. Novelle. 
In handbemaltem Pappband 2.00. 

Der Bücherwurm. Monatsschrift für Bücherfreunde; interessant, 
zuverlässig, vielseitig, reich illustriert, jahrl. 5.50. Liebh.«Ausg.20.00. 



EinhornsDrucke 

Goethes Faust. Erster Teil. Mit Originalholzschnitten von 
Professor Walter Klemm. Schrift und Druckanordnung von Pro» 
fessor F. H. Ehmcke; numerierte Ausgabe auf van Geldern*Bütten, 
in Halbpergament gebunden 30.00. 

Shakespeares Hamlet. Mit Originalholzschnitten von Otto 
Wirsching; gedruckt aus Ehmcke=Fraktur. Liebhaberausgabe auf 
Bütten, Holzschnitte handbemalt, in Ganzleder Nr. I— XXC je 
100.00; Ausgabe auf Velinpapier in Halbleder 25.00; die Holz« 
schnitte aliein auf Japanpapier, handbemalt und vom Künstler 
handsigniert 200.00. 

Hebels Alemannische Gedichte mit vielen Holzschnitten von 
L. Richter. Numerierte Liebhaber * Ausgabe 30.00; Ausgabe auf 
Velinpapier in handbemaltem Pappband 18.00. 

Der arme Heinrich von Hartmann von Aue. Mit handbemalten 
Original »Lithographien von Richard Seewald. In Halbpergament 
25.00 ; auf Handbütten in Ganzleder 100.00. 

Sindibad und sein Falke. Ein Märchen aus 1001 Nacht. Mit 
handkolorierten Originalholzschnitten von Walter Klemm. In Halb* 
pergament 25.00; auf Holländisch* Bütten, vom Künstler hand* 
signiert, in Ganzleder 100.00. 

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Der Akt. 20 meisterhafte photographische Aufnahmen weiblicher 
Akte von ersten Lichtbildkünstlern (Debschitz*Kunowski, Krull, 
Prof. Pésci); wiedergegeben in Kupfer*Handpressen*Drucken. Preis 
des Bandes 100.00. Liebhaberausgabe : Nr. 1-50 je 200.00. Es han* 
delt sich um ein vollkommen einzigartiges Kunstwerk bester Art 
Künstler und Kunstfreunde. 

Dantes »Neues Leben«. Neu übertragen und herausgegeben 
von Franz ,A. Lambert. Mit zwei handbemalten Originalholz* 
schnitten von Otto Wirsching. 5.00, in Halbleinen 8.00, in Halb* 
leder 15.00, in Ganzleder 50.00. 

Schopenhauer, Metaphysik der Geschlechtsliebe und 
»Über die Weiber«. Herausgegeben von E. Wieacker. Mit 2 hand* 
bemalten Originalholzschnitten von Otto Wirsching. 5.00. In Halb* 
leinen 8.00, in Halb leder 15.00, in Ganzleder 50.00. 

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Unsterblichkeit. Vom geheimen Leben der Seele und der Über* 
windung des Todes, von Dr. Carl Vogel 5.00. 

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Der Bücherwurm. Monatsschrift für Bücherfreunde; interessant, 
zuverlässig, vielseitig, reich illustriert, jährl. 5.50, Liebh.*Ausg. 20.00, 



Date Due 



























































































































































FORM 333 4SM 10-41 





851.15 D192MM 493964 
Dante Alighieri 


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Neues Leben 






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DATE | ISSUED TO 


851.15 D192NM 493964 



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